Reiner Engelmann: Anschlag von rechts

imagesInhaltlicher Abriss:

Ein Asylantenwohnheim in Deutschland brennt, nur durch Zufall überleben alle Bewohner. Ein Szenario, wie wir es wohl alle aus den Nachrichten der letzten Monate kennen.

Doch was sind die Hintergründe dieser Tat? Und wer sind die Opfer? Reiner Engelmann hat einen der medial präsenten Fälle nachrecherchiert und auf Basis dieser Recherchen das vorliegende Buch geschrieben, in dem er den ideologisch-soziologischen Hintergründen der Tat ebenso nachgeht wie den persönlichen Hintergründen von Tätern und Opfern.

Struktur, Perspektive und Effekte:

Engelmann beginnt sein Buch nach einem Zitat mit einem Einleitungskapitel, welches sich allerdings weniger einer thematischen Einführung ins Thema widmet, als eher einer Einführung in die Vorgehensweise des Autors. Sehr detailliert wird geschildert, wie er Aspekte des vorliegenden Romans (teils nicht) nachrecherchieren konnte und auch, welche Elemente des vorliegenden Romans Fiktion sind und welche den Tatsachen entsprechen. Schon aufgrund der detaillierten Aufzeichnungen und der Präzision seiner Ausführungen bemerkt der Leser, dass man es hier mit einem äußerst gewissenhaften Autor zu tun hat, der seine Arbeit ernst nimmt und diese sauber abliefern will.

Auch nach der detaillierten, aber nie zu ausschweifenden Einleitung, welche viele interessante Einblicke in die Arbeitsweise des Autors bietet, bleibt der Autor seiner präzisen Strukturierung bei – für ca. 180 Seiten ist das Buch in überdurchschnittlich viele Unterkapitel und Unterunterkapitel eingeteilt, die aus meiner Sicht wunderbar aufeinander aufbauen und den intendierten Effekt gut bis sehr gut umsetzen können.

Nach einem kurzen Prolog, welcher die Situation in Deutschland und die der einzelnen Täter skizzenhaft für den weiteren Verlauf des Buchs anreißt, schildert der Autor im ersten von drei Hauptteilen die Lebensgeschichte der Flüchtlinge, welche Zeugen des Anschlags wurden und erwirkt dadurch auf literarischer Ebene nicht nur eine plastische Darstellung einzelner handelnder Figuren, sondern verleiht auch einzelnen Flüchtlingen Gesichter und damit Leben. Er wirkt damit effektiv gegen die medialen Darstellungen, welche Flüchtlinge als eine quasi-homogene, gesichtslose ‚Masse‘ darstellen, sondern sagt seinen Lesern gewissermaßen: Es handelt sich hierbei um Menschen wie mich und Dich. Um Einzelpersonen und Familie – Arme und Reiche, Akademiker und Arbeiter – mit Gefühlen, Charakterzügen, Wünschen und Träumen. Diese Menschen ziehen nicht aus Jux und Dollerei durch die Welt – sondern es gibt bestimmte und sehr vielfältige Gründe, weswegen die Menschen flüchten und ich zeige Dir, wie diese Gründe aussehen (können).

Besonders schön gelingt es dem Autor hierbei, verschiedene Erzählperspektiven in seine Erzählung einzubauen – im Prolog in Gestalt einer Unterscheidung zwischen der möglichen Perspektive des Täters und seiner eigenen Gedanken, wobei er hier nachweisbare Fakten klar von Spekulation bzw. Folgerungen trennt. Auch im weiteren Verlauf ist der Roman stilistisch somit zwar einerseits sehr präzise und investigativ, anderseits steht er aber auch zu den Grenzen der Recherchierbarkeit des Themas und verschleiert nicht etwa nicht-nachverfolgbare Leerstellungen und Unschärfe , sondern lässt diese einfach stehen; dies zwar unter dem Risiko, dass die Erzählung unrund und unvollständig wirkt (was aus meiner Sicht nicht der Fall ist) – doch der Roman wirkte für mich dadurch gleichzeitig seriös und wissenschaftlich-fundiert, ohne dass diese Aspekte dem Leser in belehrerischer Hinsicht aufgezwungen wirken.

Nach der Perspektive der Flüchtlinge geht der Autor auf die Perspektive der Täter ein; auch hier orientiert er sich wesentlich an den ermittelbaren Fakten und fügt diese wie ein Puzzle zusammen. Wer waren die Täter? Warum sind sie so, wie sie sind? Was bewog sie dazu, einen Molotow-Cocktail auf ein Asylantenheim zu werfen? Hier mehr noch als schon im ersten Unterkapitel wirkt die Geschichte in vielen Passagen weniger wie ein narratives Werk mit fiktiven Figuren, als eher wie ein faktualer Bericht, der narrative Erzählstrukturen annimmt. Ob man diesen Umstand schätzt, muss jeder selbst entscheiden – ich persönlich empfand dies beim Lesen als sehr lesenswert und packend. Einzig hätte ich mir in diesem Zusammenhang noch eine breitere Verzahnung dieses ‚Mikrokosmos‘ mit größeren gesellschaftlichen Strömungen gewünscht – v. a. auch hinsichtlich des Umstands, dass dieser Roman an junge Leser gerichtet ist, welche vielleicht noch wenig über diese Strömungen Bescheid wissen. Gelungen ist auch, wie das nun vorhandene Vorwissen über die Asylanten bzw. Asylanwärter zum Zug kommen kann und wie man als Leser nun einerseits Mitleid mit den Asylanten hat (deren Schicksale man nun kennt) und andererseits auch verstehen kann, wie die Tat alte (Todes-)ängste wieder in den Flüchtlingen hochkommen lässt.

Überraschend fand ich, wie relativ wenig Zeit im Buch mit dem Anschlag als Solchem verbracht wird – schon der Titel ‚Anschlag von Rechts‘ legte für mich nahe, dass der Anschlag selbst Kernelement der Handlung sein würde. Zunächst überrascht und verblüfft fand ich jedoch recht rasch Gefallen daran, die Kontexte und das Vorher und Nachher des Anschlags kennenzulernen und das Ereignis in einem größeren Zusammenhang einordnen zu können. So widmet der Autor bemerkenswert viele Seiten seines Buchs den Nachwirkungen des Anschlags, einerseits hinsichtlich der Flüchtlinge selbst, andererseits aber auch in Bezug auf den Vernehmungsprozess, die Ergebnisse und die Nachwirkungen des Prozesses selbst. Positiv hervorzuheben ist auch hier wieder, wie reflektiert der Autor diese Passagen seines Buches verfasst – obwohl ich ahne, wie sehr dem Autor die Sache der Flüchtlinge am Herzen liegt, geht er nicht den leichten Weg und dämonisiert die Täter, sondern setzt sich differenziert mit ihrer Vergangenheit, ihren daraus erwachsenen Problem und den daraus folgenden Motiven auseinander.

Der Roman schließt mit mit einem Nachwort über generelle Fluchtursachen und die gegenwärtigen Umstände der Weltflüchtlinge. Ein Glossar lädt zur näheren Betrachtung der Umstände ein und bietet Interessierten Nachschlagemöglichkeiten – v.a. in Anbetracht des Umstands, dass junge Leser die bevorzugte Zielgruppe des Romans sind, ist dies eine gute Idee.

Sprache und Zielgruppe:

Neben dem eben angesprochenen Glossar, welches den jungen Lesern eine gute Vertiefung ins Thema bietet, ist auch der Roman (so man von einem Roman und nicht eher einem narrativen Bericht sprechen kann) aus meiner Sicht insgesamt gut bis sehr gut für junge Leser geeignet – so sich diese für den eher berichtartigen Stil interessieren.

Sprachlich ist der Roman recht simpel und ohne großes Feuerwerk geschrieben, orientiert sich an der Recherche und berichtet das, was sich ereignet hat. Emotionale Darstellungen von Figuren werden nur so eingebaut, wie sie den Tatsachen entsprechen (die der Autor offenbar zumeist in persönlichen Gesprächen ermittelt hat) und sie zur Geschichte beitragen.

Trotz der großen Komplexität der Themen ‚Rechtsradikalismus‘ und ‚Flüchtlinge und Fluchtursachen‘ finde ich, dass der Autor das Thema im Rahmen dieses Buchs gut an junge Leser heranbringen kann – was wahrscheinlich der gut lesbaren, eher schlichten und berichtartigen Sprache zuzuschreiben ist. Beschrieben ist, was man sieht – dann werden die einzelnen Punkte im Laufe des Buches zu einem größeren Ganzen verbunden. Hierzu tragen aus meiner Sicht auch ganz wesentlich die Kontexte des Anschlags bei, die mehr als der eigentlich Anschlag selbst, im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.

An dieser Stelle möchte ich gerne Herrn Menacher und Random House meinen Dank für das Rezensionsexemplar zukommen lassen. Das Buch kann hier erworben werden.

 

 

 

 

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