Beth Revis: Rebel Rising

20170526-rebel-rising-smInhaltlicher Abriss

In Rogue One sehen wir, wie Jyns Mutter Lyra auf Lah’mu erschossen wird – Jyn flieht daraufhin und wird von Saw Gerrera in Obhut genommen. Daraufhin setzt im Film ein Zeitsprung ein – viele Jahre später befindet sich Jyn als imperiale Gefangene auf dem Planeten Wobani. Doch was geschah in der Zwischenzeit? Wie wurde die kleine, fliehende Jyn zu der jungen Rebellin, die maßgeblich am Diebstahl der Pläne des Todessterns beteiligt war?

In Rebel Rising geht Beth Revis dieser Frage nach – und widmet sich damit den Jahren, die im Laufe von Rogue One zwar vergehen, aber nicht näher dargestellt werden.

Vagheit vs. Erzählungsfreiheit

Beth Revis hat sich mit Rebel Rising das ehrgeizige Ziel gesetzt, ein Jugendbuch über die im Film nicht thematisierten Lebensjahre der Jyn Erso zu schreiben – und damit einen mehrjährigen Roman mit Bildungsromanzügen, der sich auf einer Linie mit Lost Stars und Ahsoka befindet. Schon der direkte Vergleich mitAhsoka und Lost Stars zeigt, worin die aus meine Sicht größte Stärke von Rebel Rising besteht: Beth Revis darf frei und detailliert über das Thema ihres Buches schreiben; Jyn als Figur ist von medial wesentlicheren Projekten soweit abgehandelt, dass sich die Erzählung nicht ständig in Lücken oder Unschärfe flüchten muss, um (potenziell) medial tragenderen Projekten die ‚wesentlichen Handlungspunkte‘ überlassen zu können. Diese Aussage mag auf den ersten Blick fast schon lächerlich wirken – doch der Vorteil der Situation von Rebel Rising wird ersichtlich, wenn man wahrnimmt, dass auch die relative Detailliertheit und Handlungsschärfe von Lost Stars wohl wesentlich auf der Tatsache fußt, dass die im Roman zentralen Figuren und deren Biografien von geringer Relevanz für tragendere Projekte sind, während sich der ursprünglich als ‚Brückenbauer‘ vermarktete Roman Ahsoka eben nur auf das erste Jahr nach Ahsokas Austritt aus dem Jedi-Orden konzentriert und die für den Leser eigentlich ‚interessanten Brocken‘ der Zwischenzeit nur in Form einiger Interludes ankratzt; für Ahsoka sind wohl u.a. im Rahmen der vierten Rebels-Staffel und Forces of Destiny noch zu viele tragende Eisen im Feuer, als, dass man alles Übrige in einem übergreifenden und umfassenden Roman hätte thematisieren können. Rebel Rising befindet sich hier in einer weit besseren Position: Ja, einzelne Erlebnisse von Jyn Erso werden vielleicht in Forces of Destiny thematisiert – ansonsten ist das Feld frei für Beth Revis.

Die Darstellung Jyns

Schon zu Beginn sticht die plastische und authentische Darstellung Jyns positiv hervor: Beth Revis setzt auf Lah’mu an, schildert spannend und mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, wie eine kindliche Jyn die aus Rogue One bekannten Szenen wahrnimmt. Ich würde sogar behaupten, dass Rebel Rising Jyn insbesonders in der ersten Romanhälfte plastischer, detailreicher und greifbarer darstellt, als alle anderen Werke zuvor – inklusive Rogue One selbst. Schön ist überdies, dass sich Rebel Rising nicht aus dem großen Ganzen ausklammert, sondern auch Elemente aus Catalyst aufnimmt, wie eine Erwähnung des Lebens der Ersos auf Coruscant. Ein weiteres großes Lob verdient Revis nicht nur für die authentische Darstellung von Jyns Gedanken, Wahrnehmungen und Dispositionen, sondern auch für die an den Tag gelegte Liebe zum Detail; die von Jyn erlebte Welt wird nicht auf nur zentrale Elemente heruntergebrochen, sondern umfassend und greifbar geschildert – auch Elemente, die eigentlich nicht wichtig für die Geschichte selbst sind, aber die erlebte Welt Jyns bunter machen. Revis hat Platz, Erzählungsfreiheit und Motivation und – das bemerkt man beim Lesen – sie weiß es, all diese Elemente in ihren Roman einzuflechten; zusätzlich hierzu zeigen insbesonders die wenigen Interludes über Jyns Leben auf Wobani, dass Beth Revis auch unterschiedliche Plotebenen gut miteinander verweben kann. Besonders schön finde ich besonders im Falle der ersten Romanhälfte, dass die Autorin die perspektivisch sicher nicht einfach zu schildernden Kindheitsjahre Jyns nicht an den Rand drängt, sondern diesen viel Platz und Geduld einräumt. Für mich war in diesem Zusammenhang insbesonders die erste Romanhälfte ein purer Genuss – anders als in Ahsoka liegt der Fokus besonders in der ersten Hälfte nicht auf den Ereignissen selbst, sondern auf der Entwicklung von Jyns Persönlichkeit und ihrer Beziehung zu ihrer Umwelt (Saw Gerrera, Eltern); diese beiden Punkte werden aus meiner Sicht geradezu bemerkenswert und mit viel Können und Fingerspitzengefühl umgesetzt.

Als gegen Ende der ersten Buchhälfte Jyns Beziehung zu Saw Wandlungen unterläuft, wandelt sich auch der inhaltliche Fokus des Romans. Mit den Missionen, die in Jyns Leben getreten sind, wandert sich auch der Kernpunkt; Jyns Persönlichkeitsentwicklung steht nach wie vor im Zentrum des Geschehens, doch ihre Missionen gewinnen platzmäßig an Gewichtung; vor allem auf den letzten ca. 100 Seiten übernehmen Jyns Kampfhandlungen dann die Überhand. Ich möchte dies nicht objektiv kritisieren – einerseits ist Jyns Persönlichkeit insbesonders auf den letzten 100 Seiten ohnehin schon fast an dem Punkt von Rogue One angekommen und anderseits macht es an dieser Stelle auch in Bezug auf die Handlung Sinn, sich um Jyns Kämpfe und Reibereien zu kümmern. Auch die Darstellung dieser Szenen ist an und für sich nicht zu kritisieren – mir persönlich waren, denke ich, die Missionen selbst einfach (ähnlich wie in Ahsoka) zu ‚beliebig‘ und hatten für mich zu wenig Bezug zu Jyns charakterlicher Entwicklung – auch befinden sich v. a. auf den letzten 100 Seiten aus meiner Sicht weniger lesenswerte ‚Extras‘ als zuvor. Stellenweise hatte ich den Eindruck, dass Revis nicht mehr genug Zeit hatte, Persönlichkeitsentwicklung, Detailreichtum und Erlebnisse so gelungen wie zu Beginn miteinander zu verweben – und hat vielleicht daher bewusst oder unbewusst den Missionen den Vorzug gegeben. Die Tatsache, dass ich dieser Wahrnehmung kritisch gegenüberstehe, ist allerdings mein persönliches Problem und kein Fehler des Romans – objektiv sehe ich keinen Grund, eine Fokussierung von Jyns Kämpfen zu diesem Zeitfenster zu kritisieren.

Sprache

Ein weiterer Punkt, den ich dem Jugendroman sehr zu Gute halte, ist die Sprache – stets den handelnden Figuren gegenüber angemessen; spannend, packend und in quasi jeder Hinsicht authentisch und passend. Auch baut Beth Revis immer wieder Wortspiele (z. B. LEG vs elegy, ganz zu Beginn) ein oder erzeugt durch sprachliche Malereien (Gold und Silber in einer Szene mit Flechettes) Momente, die beim Leser eine Art ‚Wow!-Erlebnis auslösen. Im Verhältnis zu anderen Werken des neuen Kanons verfügt das Buch also auch eine sprachliche Schönheit, die ich beachtlich finde.

Fazit:

Anders als Ahsoka ist dieser Jugendroman in mehrjähriger Hinsicht umfassend, anders als Lost Stars konzentriert sich der Roman nicht auf die formativen Kräfte von Imperium und Rebellion auf Standardbürger, sondern thematisiert Jyn direkt, die als Protagonistin Dreh- und Angelpunkt des Jugendromans ist. Sie steht auf keiner Seite, wird gleichzeitig von allen Seiten bearbeitet und wie ein Spielball zwischen den Welten hin- und hergeworfen, ohne jemals völlig uneigeninitiativ zu sein. Alle Ereignisse konzentriert sich letztlich auf Jyn, dies jedoch nicht ohne Extras – und auch nicht auf Kosten der anderen Figuren, die vor allem im Fall von Saw und Hadder sehr plastisch dargestellt werden. Wer sich für Jyns Persönlichkeit und die sie formenden Erlebnisse interessiert, kann mit diesem Roman aus meiner Sicht keinen Fehler machen – auch sprachlich liest sich der Roman wunderbar und hat anders als viele andere Romane des neuen Kanons nicht mit Vagheit, Lücken oder Ausweichhandlungen zu kämpfen.

Für mich gehören insbesonders die ersten drei Viertel des Jugendromans zu den gelungensten Passagen des neuen Kanons insgesamt und ich würde den Roman jedem empfehlen, der auch nur ein bisschen Interesse an Jyn hat oder wissen will, was sie in den Jahren zwischen Lah’mu und Wobani getan hat.

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