Kristín Steinsdóttir: Hoffnungsland

9783406707216_largeEhe die Rezension beginnt, möchte ich mich ganz herzlich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar bedanken, das ich erhalten habe.

Inhaltlicher Abriss:

Island, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die beiden jungen Frauen Guðfinna und Stefanía träumen von einem Leben in der Hauptstadt Reyklavík, am besten im Rahmen einer Anstellung in einem feinen Haus. Sie verlassen Ihre ländliche Heimat zunächst enthusiastisch – doch nach Ihrer Ankunft in Reykjavík bemerken sie schnell, dass auch in Reykjavík nicht alles, was glänzt, auch aus Gold ist.

Sie verdingen sich zunächst als Tagelöhnerinnen (Waschfrauen und Kohleschlepperinnen) und trotzen dabei den Widrigkeiten des harten Lebens auf Island in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch eines Tages eröffnet sich eine Chance, welche sich die Mädchen nicht durch die Lappen gehen lassen möchten.

Sprachliches:

Wer den Roman bereits genauer in Augenschein genommen hat, ist vielleicht kurz verwirrt über die Bezeichnung ‚ein poetisch geschriebener […] Roman‘ gestolpert. Was ist damit gemeint? Ich bin mir nicht sicher, ob sich diese Beschreibung auf Versmaß, Prosodie, Reime oder Metaphernreichtum bezieht – allerdings wäre mir bei der Lektüre nichts aufgefallen, was diesen Roman poetischer macht als andere Romane. Das Leseerlebnis ist aus Gründen, die ich gleich erörtern möchte, in der Tat etwas anders als bei anderen Romanen – doch ich würde dies nicht auf poetische Charakteristika zurückführen. Man merkt an verschiedenen Stellen (oft werden beispielsweise Personalpronomina bei Verben weggelassen, d.h. nicht ‚Sie geht in die Stadt‘, sondern z.B. ‚Geht in die Stadt.‘) schon, dass sich die Sprache typischer Romane abhebt, aber ich kann nicht sagen, inwieweit das im Original auf poetische Charakteristika zurückgeführt werden kann; mag sein, dass der Roman im isländischen Original stärker auf Prosodie, Reimschemata oder Metaphernreichtum achtet und dieser Umstand mit der Übersetzung verloren gegangen ist – mit Ausnahme einer Szene, in der ein dänisches Wort und ein isländisches Wort einander in Bezug auf ihre Klangähnlichkeit gegenübergestellt werden, habe ich in der deutschen Übersetzung jedoch nur sehr wenige Charakteristika entdeckt, die diesen Roman für mich poetischer machen als andere Romane.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass die Sprache schlecht ist! Auch nicht die Übersetzung! Das Adjektiv ‚poetisch‘ mag aus meiner Sicht nicht zutreffend sein, doch die Sprache des Romans selbst ist absolut exquisit. Steinsdóttir schreibt stark deskriptiv, konzise und treibt die Handlung daher schnell voran, ohne, dass der Roman knapp bemessen wirkt. In nur 200 Seiten legt sie gut 2 Jahre zurück – ohne, dass die Handlung gedrängt, oberflächlich oder sonstwie beeinträchtigt wirkt; man hat als Leser alles, was man sich nur wünschen kann und langweilt sich nie. Durststrecken gibt es nicht; anders als andere Autoren, die sich teilweise in langweiligen Nebenhandlungen und Darstellungen verlieren, treibt Steinsdóttir ihre Handlung so schnell voran, dass man als Leser ständig aktiv bei der Sache ist und beim Lesen einfach nur die Fülle an Informationen und Sequenzen genießt. Auch die Übersetzung wirkt in diesem Zusammenhang absolut gelungen – da ich kein Isländisch spreche und folglich das isländische Original nie gelesen habe, kann ich keinen Vergleich anstellen; aber beim Lesen wirkt auch die übersetzte Sprache lexikalisch reichhaltig, wohl durchdacht und trägt dazu bei, dass eine sehr plastische Welt vor dem Auge des Lesers entsteht.

Besonders schön ist es auch, wie gekonnt Kristín Steinsdóttir unterschiedliche Tempora zur Unterscheidung verschiedener Handlungszeiten in ihren Roman ausbaut. Gerade auf den ersten 65 Seiten wechselt die Handlung oft recht rasch zwischen mengenmäßig kurzen Handlungssplittern die im fiktiven Hier und Jetzt stattfinden (Präsens) und legt viel Wert auf eine Aufarbeitung der Vergangenheit (Präteritum). Aufgrund von Steinsdóttirs konziser Sprache müsste die Autorin theoretisch Gefahr laufen, diese beiden Handlungsebenen miteinander so krass zu vermischen, dass sich keiner Leser mehr richtig damit auskennt; doch irgendwie schafft es Steinsdóttir trotz teilweise kurzer und schneller Sprünge durch ihre Zeitenwahl, dass man als Leser nie den Faden verliert und man immer genau weiß, wo und wann man sich befindet.

Als weiterer Punkt, der sehr für das Buch spricht, sei erwähnt, wie grandios Steinsdóttir ihre Sprache auch in dialogischer Hinsicht nutzt; es finden sehr gelungene Wechsel zwischen Flashbacks mit fast stream-of-consciousness-artigen Zügen und verhältnismäßig wenigen Passagen in wörtlicher Rede statt – wobei Steinsdóttir sehr gekonnt wählt, was sie nun mit wörtlicher Rede ausdrücken will; diese Passagen sind meist sehr illustrativ für den Gemütszustand der jeweiligen Personen; auch deskriptive Phasen baut Steinsdóttir sehr gelungen in die Handlung ein. Diese Vielfalt an sprachlichen Mitteln zur Darstellung von Charakteren und Handlungselementen ist ein wichtiger Punkt dessen, was das Buch so reichhaltig und spannend macht. Steinsdóttors erzählerische Vielfalt hält den Leser zusammen mit einer darauf abgestimmten Handlung bewusst oder unbewusst bei Laune und sorgt dadurch für einen absolut grandiosen Lesegenuss.

Figuren und Setting:

Trotz konziser Sprache, schneller Handlung und beschränkten Umfang (200 Seiten) bleiben auch Steinsdóttirs Figuren nicht auf der Strecke. Wie schon der Klappentext beschreibt, stehen auf den ersten 65 Seiten die beiden Mädchen Guðfinna und Stefanía im Zentrum der Handlung – durch den Klappentext lässt sich der Eindruck erwecken, dass es im ganzen Buch mehrheitlich um diese beiden Mädchen geht. Ich finde, dass dieser Eindruck trügt – besonders in allen Passagen nach den ersten 65 Seiten entwirft Steinsdóttir nach und nach eine Art Mikrokosmos um die Welt der Guðfinna – im Positiven bemerkenswert ist hierbei, dass sich zwar die ganze Handlung auf Guðfinna und eine ihrer Freundinnen konzentriert und die anderen Figuren doch nicht vernachlässigt werden. Dies ist sehr schwer zu beschreiben: Man spürt zwar, dass Guðfinna und ihre Freundin im Zentrum der Handlung stehen sollen, doch auch die anderen Figuren existieren aus eigenem Recht, sind absolut plastisch und spielen mehr als nur ihre Rolle in Guðfinnas Leben. Die Autorin entwirft hier also sehr gekonnt eine Art Mikro-Lebenswelt der Guðfinna, doch nicht nur Ihrer selbst wegen, sondern auch, um die anderen Figuren dieser Welt im gleichen Umfang darzustellen.

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie die Autorin dies alles auf nur 200 Seiten schafft – doch die Autorin schafft es und hat dafür allerhöchstes Lob verdient. Alle Charaktere sind extrem plastisch, leben aus sich heraus und tragen die Handlung nicht nur für die Hauptfigur, sondern auch für sich selbst um bieten dadurch als Nebeneffekt auch dem Leser einen sehr dreidimensionalen und absolut packenden Einblick in das Island des 19. Jahrhunderts.

Fazit:

Ein absolut grandioser Roman, der mir als seinem Leser auf nur 200 Seiten wirklich alle Wünsche erfüllt hat. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass dieser Roman all diese Inhalte in sprachlich so gekonnter Form auf nur 200 Seiten versammelt, hätte ich dies niemals geglaubt. Doch hier ist er. Wer Interesse an einigen absolut packenden Frauenfiguren im Island des 19. Jahrhunderts hat, sprachlich einen absolut gelungenen, konzisen, handlungsschnellen und dennoch sehr tiefgründigen Roman lesen möchte, der auch sonst sehr breite und spannende Einblicke in das Island des 19. Jahrhunderts bietet, kann hier aus meiner Sicht nichts falsch machen. Ganz großes Kino!

Ihr interessiert euch für den Roman? Hier könnt ihr den Roman beim Verlag erwerben.

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