Luigi Capuana: Giacinta

047_2434_173001_xxlEhe die Rezension beginnt, bedanke ich mich ganz herzlich bei Frau Grau von Random House für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Ich freue mich immer sehr darüber, wenn ein Verlag bzw. eine Verlagsgruppe mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellt! Dies ist auch toll angesichts des Umstands, dass mein Blog bislang eher klein ist – schön, dass nicht nur große Publikationsorgane an Rezensionsexemplare kommen.

Inhaltlicher Abriss:

Der Roman ‚Giacinta‘ thematisiert im Stile eines Bildungsromans das Leben derselben Protagonistin im Italien des 19. Jahrhunderts. Schön früh ist die junge Giacinta, die einer adlig-wohlhabenden Familie entstammt, recht auf sich allein gestellt – nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Aufsehern wird sie radikal vernachlässigt und bietet daher das perfekte Vergewaltigungsopfer in noch sehr jungen Jahren. Getrieben von Traumata, den seelischen Folgen von Vernachlässigung und Desinteresse und den Umständen der schwierigen Stellung von Frauen im Italien des 19. Jahrhunderts beschreitet Giacinta einen schweren Lebensweg – der von Schwierigkeiten regelrecht gesäumt wird.

Figuren und Gesellschaftskritisches

Der Roman lebt stark in und aus seinen Figuren – was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass die Erzählweise des Romans stark durch die Außensicht dominiert ist und man als Leser nahezu ausschließlich aus den Handlungen der Figuren auf deren Gemütszustand schließen kann.

Im Zentrum des Romans steht die Hauptfigur Giacinta Marulli, die sich aufgrund elterlicher Vernachlässigung, früher Vergewaltigung und der generell schwierigen Situation für Frauen im Italien des 19. Jahrhunderts ihren Weg durchs Leben kämpfen muss. Bemerkenswert ist hierbei insbesonders die Explizitheit der Schilderungen, wenn man bedenkt, dass der Roman nicht nur im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, sondern auch aus dieser Zeit stammt und dementsprechend den damaligen Diskursen unterworfen war. So kann der Roman aus meiner Sicht als Kritik an dieser Zeit und den damaligen Umständen gelesen werden – was den Roman für moderne Leser besonders interessant macht, um in das Italien des 19. Jahrhunderts einzutauchen; anders als heute verfasste historische Romane war der Autor nämlich selbst in der Zeit verwurzelt, über die er schreibt.

Trotz dem Fokus auf die Figur der Giacinta (andere Figuren tauchen aus meiner Sicht nur auf, wenn sie in ihr Leben treten bzw. um Giacintas Leben/ihre Umstände angemessen zu kontextualisieren) finde ich, dass ihr Leben weniger aus eigenem Recht im Zentrum der Handlung steht, sondern eher der Darstellung der damaligen Zeit dient, bzw. der Offenlegung von Umständen, die Giacinta (exemplarisch für andere Frauen der damaligen Zeit) das Leben schwermachen. Giacinta ist hier fast stets klaren Kopfes, mogelt sich gekonnt durch die Rahmenbedingungen, umgeht Lästigkeiten und wird somit generell als starke, emanzipierte und bemerkenswert unabhängige Frau dargestellt. Ich würde daher sogar soweit gehen, den Roman als Werk mit früh-feministischen Zügen zu bezeichnen – die für damalige Verhältnisse recht expliziten Schilderungen unterstreichen nur die Notwendigkeit, an den besagten Strukturen Änderungen vorzunehmen; genauer am erzwungenen Eheleben, an der Unterdrückung von Frauen und den festgefahrenen Strukturen der damaligen Gesellschaft.

Moderne Leser…

…mögen beim Leser gegebenenfalls manchmal irritiert darüber sein, was ich mit bemerkenswerter Explizitheit meine. Man muss allerdings immer bedenken, dass der Roman im 19. Jahrhundert entstanden ist und veröffentlicht wurde, wo über gewisse Themen absolutes Stillschweigen bewahrt wurde.

Trotz oder gerade aufgrund seines Alters ist der Roman modernen Lesern absolut zu empfehlen, er erzählt eine spannende Geschichte mit vielen Wendungen, Schicksalsschlägen und ist sprachlich genauso wie inhaltlich ohne Einschränkungen auch für moderne Leser sehr gut zu verstehen. Wir erhalten einen recht schonungslosen Blick in eine Zeit, die uns allen hinsichtlich eigener Erfahrung verwehrt blieb und daher umso interessanter zu erleben ist.

Sprache und Übersetzung

Sprachlich ist der Roman für moderne erwachsene Leser zumindest in der Übersetzung problemlos lesbar – dies ist sehr leserfreundlich und meiner Meinung nach mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Man bemerkt beim Lesen schnell, wie reichhaltig dieser Roman auch sprachlich im italienischen Original sein muss und (allerdings mit der Einschränkung, das italienische Original nie gelesen zu haben) ich habe den Eindruck, dass die Übersetzerin hier eine sehr gute Übersetzungsleistung vollbracht hat, die dem sprachlichen Reichtum des Originals durchaus gerecht werden könnte. Die Übersetzung deckt meiner Meinung nach ein breites Vokabular ab und lässt den Roman somit auch sprachlich zu einem interessanten Erlebnis werden. Die Sprache der Übersetzung mutet dem 19. Jahrhundert angemessen an, ohne gekünstelt ins Alte gezogen zu wirken. Aus meiner Sicht eine stilistisch also sehr gelungene Übersetzung!

Fazit:

Ein Roman aus dem 19. Jahrhundert über das 19. Jahrhundert. Gleichzeitig mit einer Explizitheit verfasst und von dem Charakter einer schonungslosen Aufdeckung, die progessiv ist und somit weit über das 19. Jahrhundert hinausgeht – und dabei letztlich auch ihre Relevanz für die heutige Welt nicht eingebüßt hat. Wenn teilweise nicht in Bezug auf aktuelle Brandherde, dann doch sicher als Mahnmal dessen, was wir (glücklicherweise) kulturell überwunden haben.

Sprachlich spannend, stilistisch sehr schön übersetzt und ohne nennenswerte Durststrecken. Wer in die Skandale und Missstände des Italien des 19. Jahrhunderts eintauchen will, ist hier sicher nicht verkehrt. Danke an Manesse dafür, diesen in Deutschland weithin vergessenen Klassiker wieder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht zu haben!

Interessiert? Der Roman lässt sich beim Verlag hier erwerben.

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