Jürgen Seidel: Das Mädchen mit dem Löwenherz

Das Maedchen mit dem Loewenherz von Juergen SeidelEhe die Rezension beginnt, möchte ich mich bei Herrn Menacher und bei Random House für das bereitgestellte Rezensionsexemplar bedanken. Ich schätze den Umstand sehr, dass Random House auch verhältnismäßig kleinen Blogs die Möglichkeit bietet, an Rezensionsexemplare zu kommen und ich bin sehr dankbar für das mit entgegengebrachte Vertrauen.

Inhalt: 

Deutschland, Zeit der Reformation: Anna wird mit einer ungewöhnlichen Gabe geboren – einem wahrhaft fotografischen Gedächtnis: Alles, was sie hört, sieht und liest, vergisst sie nie wieder.

Nach dem frühen Tod ihrer Eltern gerät das 13-jährige Waisenmädchen in die Fänge der streitenden klerikalen Welt, die sich ihr ebenso ungewöhnliches wie nützliches Talent zu Diensten machen möchte. Hilfesuchend zwischen den Fronten einer Welt, die sie noch nicht so recht begreift, sucht Anna nach Hilfe – bei Martin Luther persönlich.

Stilistisches:

Jürgen Seidel verfasste mit diesem Werk einen Briefroman; das ganze Buch besteht aus unzähligen Briefen, welche Anna einige Jahre nach den im Buch beschriebenen Ereignissen im Alter von ca. 20 Jahren hilfesuchend an Martin Luther richtet, den sie bereits vor der Entstehung des ersten Briefes einmal getroffen hat und als Folge dieser Begegnung aus tiefstem Herzen schätzt.

Gerade aufgrund der Tatsache, dass diese Gattung für die meisten Leser der angestrebten Zielgruppe (ältere Kinder und jüngere Jugendliche) eher Neuland sein dürfte, schätze ich die Intention des Autors, diese vergleichsweise unbekannte Gattung seinen Lesern nahezubringen und damit ihren Lesehorizont zu erweitern. Auch aufgrund des Umstands, dass Jugendromane oft ihren Fokus auf die Entwicklung einer zentralen Person (oder mehrerer zentraler Personen) legen, begrüße ich diese Entscheidung – eignen sich Briefromane doch geradezu ideal dazu, Geschichten zu erzählen, die aus der Perspektive einer Figur berichtet werden bzw. einzelne Szenen aus der Sicht wechselnder Figuren zu erzählen. Gerade mit dieser Gattung kann man die Entwicklung einzelner Figuren wunderbar aufzeigen und demonstrieren, wie die Figuren an ihren Herausforderungen wachsen.

Leider bin ich der Auffassung, dass keiner dieser Vorzüge besonders gelungen in ‚Das Mädchen mit dem Löwenherz‘ umgesetzt ist – es gibt hier immer eine Diskrepanz zwischen der Erzählung auf der einen Seite (die ich sehr authentisch finde!) und der Frage auf der anderen Seite, wie die Erzählung den Leser da abholt, wo er steht. Ich verstehe ja, dass die Welt aus der Sicht eines 13-jährigen (wenn auch im Alter von 20 Jahren – es handelt sich um exakte Erinnerungen/Nacherzählungen dieser Zeit, die nur wenig von späteren Reflexionen verändert werden) Mädchens erzählt wird, welches mit den genaueren Umständen dieser Welt überfordert ist, doch die schwammigen Kontextualisierungen der Umstände ebenso wie die relative Verwirrung und Unwissenheit des Mädchens verwirren den Leser, der immer wieder den Faden verliert, was dort vor sich geht und wie die Figuren auseinanderdriften oder wieder zusammenkommen; auch das räumliche Befinden leidet sehr unter diesem Typ Schilderung.

Stilistisch gesehen ist mit Hinblick auf die Autentizität der Erzählung auch die Entscheidung durchaus gelungen, dem Mädchen bekannte Bezeichnungen wie Scriptorium (die vielen, gerade jungen, modernen Lesern allerdings nicht mehr bekannt sind) ohne nähere Erklärungen in den Briefen so belassen – doch auch diese, gerade anfangs, sehr häufigen unbekannten Elemente tragen ebenso dazu bei, dass man als Leser verwirrt wird und gewissermaßen aus der Erzählung fällt. Gewiss, es gibt das an sich sehr hilfreiche Glossar gegen Ende des Buches, aber ich selbst hatte beim Lesen nie Lust, die Worte hinten nachzuschlagen – und ich denke, dass es vielen Lesern so geht; hier wären vielleicht Fußnoten die bessere Entscheidung gewesen.

Sprachliches:

Ich finde, dass der Autor Tonfall, Sprache und Wahrnehmung einer 13-Jährigen in diesem Buch sehr gut getroffen hat – nur führt das mangelnde Weltwissen auch hier wieder dazu, dass man als Leser der Moderne immer wieder aus der Handlung gerissen wird und letztlich nie wirklich in der Geschichte ankommt. Zwar spürt man als Leser, wie authentisch die Briefe geschrieben sind (sehr beachtlich, man bedenke den Altersunterschied, genderspezifische Unterschiede und abweichende historische Lebensgrundlagen!) und man hat auch den Eindruck, dass sich der Autor sehr gut mit der Epoche auskennt und genau weiß, wie sich das junge Mädchen in dieser Zeit gefühlt haben muss – doch leider muss man andererseits von einem Leser ausgehen, der über dieses Wissen nicht in diesem Umfang verfügt, was immer wieder dafür sorgt, dass man dem Mädchen und seinen Schilderungen nicht folgen kann.

Als Positivum sollte abschließend in sprachlicher Hinsicht angemerkt werden, dass die Sprache selbst nicht nur authentisch ist, sondern auch sehr angenehm zu lesen ist, d.h. die Leserfreundlichkeit (ein aus meiner Sicht tragender Punkt!) dieses Briefromans ist aus meiner Sicht sprachlich sehr groß; für erwachsene Leser ebenso wie für junge Leser.

Figuren

Leider tragen die Schilderungen des Mädchens nicht dazu bei, dass man die Figuren umfassend begreift oder diese plastisch werden – oft werden Figuren sehr simplistisch auf ein prägendes Charakteristikum heruntergebrochen oder nur nach der Frage ‚Freund oder Feind?‘ unterschieden. Dies mag aus der Sicht eines so jungen und eingeschüchterten Mädchens (auch wenn die Briefe erst einige Jahre später entstanden sind) absolut angemessen sein, doch auch hier leidet die Leseerfahrung unter den Umständen – bleiben doch die Figuren seltsam platt und eindimensional. Auch sind die genauen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Figuren für den Leser nicht immer klar ersichtlich – auch dies authentisch und berechtigt Produkt der Unerfahrenheit der Protagonistin, doch leider nicht zum Vorteil der Leseerfahrung.

Handlung

Ich finde, dass der Autor dem Erinnerungsvermögen der Protagonistin gelungen Rechnung trägt, was sich schon im schieren Umfang des Romans niederschlägt; Anna beschreibt – auch nach mehreren Jahren – noch sehr detailgenau, was sich wie abgespielt hat. Man nimmt Anna diese Schilderungen ab, sie wirken plausibel, enthalten keine mir ersichtlichen Logikfehler oder Brüche mit der gesamten Kontinuität des Briefromans. Leider besteht auch an dieser Stelle wieder eine Diskrepanz zwischen gelungener Authentizität der Erzählung auf der einen Seite und reichhaltiger Leseerfahrung auf der anderen Seite. So beinhaltet der Roman viele Längen und Passagen, die aus meiner Sicht nicht nur die Handlung nicht vorantreiben, sondern auch die Wirkung der Ereignisse auf de Leser bis zu einem gewissen Punkt hemmen. Vielleicht hätte man den Roman etwas straffen und Anna nur die tragendsten Passagen nacherzählen lassen sollen.

Fazit

Ich habe selten einen Roman gelesen, bei dem es so eine krasse Diskrepanz gibt zwischen absolut gelungener Authentizität auf der einen Seite und mangelhafter Leseerfahrung vonseiten des Lesers auf der anderen Seite. Zwar bietet Seidel hier eine absolut plausible Schilderung der Ereignisse, holt den Leser allerdings an vielen Stellen nicht richtig ab, sodass ich zumindest den Roman kaum spannend und lesetechnisch ergreifend fand, wenngleich ich das Einfühlungsvermögen des Autors in seine junge Protagonistin ebenso bewundere wie seine Fähigkeit, die Welt vor fast 500 Jahren authentisch und plausibel zu erklären.

Schön – und das möchte ich nochmals hervorheben – finde ich es, dass der Autor sich für einen Briefroman entschieden hat und damit eine Gattung bedient, die insgesamt recht wenig gängig ist. Zuletzt sei dem Umschlaggestalter ein ganz großes Lob gemacht – der Umschlag (besonders das Cover!) sind wirklich sehr schön geworden!

Interessiert? Ihr könnt das Buch hier beim Verlag erwerben.

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