Peter Arens: Sturm über Europa

205Beschreibung:

Peter Arens begibt sich zurück in die Zeit der Völkerwanderung; eine wesentliche Entstehungsphase für das moderne Europa, die allerdings – wie der Autor selbst meint – im allgemeinen Geschichtsbewusstsein bisher kaum angekommen ist. Was geschah in den Jahrhunderten des Niedergangs des weströmischen Reiches und was hat es in diesem Zusammenhang mit den herumziehenden Stämmen u.a. der Germanen, Hunnen und Goten auf sich? Wie wirkten sie auf das römische Reich, welche Interaktionen gab es und inwieweit ergab sich daraus der Untergang des weströmischen Reiches?

Dieses Buch entstand im Zusammenhang der ZDF-Wissensreihe “Sturm über Europa“ (2002), Peter Arens selbst ist studierter Germanist und Romanist und arbeitete damals als Leiter der Redaktion “Geschichte und Gesellschaft“ beim ZDF; heute ist er Leiter der Hauptredaktion “Geschichte und Gesellschaft“ beim ZDF.

Inhaltliches:

Das Sachbuch unterteilt sich in die großen Kapitel “Aus den Nebeln des Nordens“, “Die germanische Mobilmachung“, “Der Kampf um Rom“ und “Die Erben des Imperiums“,sie befassen sich (in dieser Abfolge) mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Germanen befassen, den Gründen der germanischen Migrationswelle, dem Untergang des weströmischen Reiches und der Zukunft der im Zuge der Völkerwanderung entstandenen Reiche in Westeuropa und Nordafrika.

Meiner Meinung nach wird schon aus den Unterkapiteln ersichtlich, dass Arens‘ Buch seinen großen Schwerpunkt auf die Germanen legt und andere Völker verhältnismäßig wenig unter die Lupe nimmt. Dies ist an sich gar nicht als genereller Vorwurf zu sehen – wer sich für die Germanen interessiert und ihre Anteile an der Völkerwanderung besonders interessant findet, ist bei diesem Buch sicher nicht fehl am Platze; auch muss man Arens natürlich zugute halten, dass sich das Buch (ebenso wie die dazugehörige Wissensreihe) in erster Linie an ein deutsches Publikum richtet, weswegen das angesprochene Ungleichgewicht sicher verzeihlich ist. Für Leser wie mich allerdings, die sich unter dem Titel “Sturm über Europa“ ein generelles Sachbuch erhoffen, das alle Völker und Stämme gleich betrifft, ist dieses Buch – rein thematisch – nur mit großen Einschränkungen zu empfehlen: Das Buch umfasst einschließlich Nachbemerkungen ca. 280 Seiten, von denen die ersten gut 130 Seiten kaum die Völkerwanderung thematisieren, sondern ihren Blick stark auf die römisch-germanischen Beziehungen richten, die für die Völkerwanderung sicher nicht irrelevant sind, aber locker in 15 Seiten hätten behandelt werden können – oder besser noch, nicht in eigenen Kapiteln hätten exponiert werden sollen, sondern an günstigen Stellen in den Text eingebaut werden können.

Schön finde ich, wie Arens nach ca. 130 Seiten mit dem Thema beginnt, das ich mir eigentlich in dieser Form für das gesamte Buch gewünscht habe. Er geht schön auf die einzelnen Stämme ein, beschreibt deren Migrationswege und führt aus, wie die Reiche dieser Völker aufstiegen und teilweise wieder vergingen. Ich verstehe, wie schwierig es ist, in diese verworrenen Situationen Struktur und Ordnung zu bringen und ich ziehe meinen Hut davor, wie der Autor die einzelnen Machtstrukturen nachverfolgt; dass die Sprünge zwischen den einzelnen Strukturen gelegentlich ein wenig holprig sind, sei ihm verziehen.

Duktus

Zugute halten muss man dem Buch andererseits, dass es sich von anderen wissenschaftlichen Publikationen in Bezug auf die Darbietungsweise unterscheidet: Während viele Publikationen stringent eine Theorie (wie auch immer diese geartet ist) verfolgen und (wohl auch aus forschungstaktisch-universitären Gründen) kaum Unklarheiten bzw. Wissenslücken zugeben, denkt Arens‘ Buch vielperspektivisch, stellt Prozesse aus verschiedenen Blickpunkten dar, verfolgt unterschiedliche Klärungsansätze und gibt auch offen und ehrlich zu, wo Dinge noch unklar sind bzw. schlicht und ergreifend nicht geklärt werden können. Es unterschiedet sich damit von anderen Publikationen, die wohl aufgrund inner- und intrauniversitärer Politik keine Schwächen und Unklarheiten zugeben können, darin, dass es sich erfrischend ehrlich, neutral und unvoreingenommen liest.

Geradezu großartig ist auch Arens‘ Schreibstil: Arens schreibt bildlich, erklärt Zusammenhänge gut und greifbar und schafft es sehr gut, einen an der Sache interessierten Leser bei Laune zu halten. Man möchte weiterlesen und ist fasziniert, was aus meiner Sicht für ein gutes Sachbuch essenziell ist. Man merkt dem Buch auch an, dass es als Nebenprodukt (dies ist nicht negativ gemeint!) einer Filmreihe entstanden ist: Gelegentlich lesen sich Arens‘ Texte wie die Sprechertexte von Dokumentationen (besonders im Falle der Varus-Schlacht ist mir dies aufgefallen), man kann sich regelrecht vorstellen, wie im Hintergrund Bilder parallel vorbeilaufen. Auffällig wird dies auch an einigen Stellen, an denen lange ausdrucksstarke Zitate anderer Autoren bzw. historischer Quellen eingebaut werden: Man hört beim Lesen regelrecht, wie diese mit einer anderen Stimme vorgelesen werden, wie dies in Dokumentationen oftmals der Fall ist.

Fazit:

Die größte Schwäche des Sachbuches ist, aus meiner Sicht, der Umstand, dass der Autor erst nach 130 Seiten auf die eigentliche Völkerwanderung zu sprechen kommt – wobei dies für den Leser, der sich für die Germanen interessiert, sicher kein Nachteil ist. Auch wenn die ersten 130 Seiten für mich zu wenig Bezug zum Thema ‚Sturm über Europa‘ haben, so sind sie auf jeden Fall spannend geschrieben.

Stilistisch und sprachlich hat mir das Buch sehr zugesagt, es ist absolut leserfreundlich geschrieben, vielseitig perspektivisch und verfolgt – neben einer gut bis sehr gut übersichtlichen Darstellung der Völkerwanderung, auch über das Plus, dass es Unklarheiten beim Namen nennt und nicht ausklammert.

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