Roberto Lopes: Das Hexenbuch

937150-10-9Ehe die Rezension beginnt, möchte ich erneut Heinz Prange vom Debras-Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar danken, das er mir zukommen ließ.

Inhalt:

Wer nichts über das Buch weiß, rechnet höchstwahrscheinlich mit einem Fantasy-Roman oder einer anderen fantastischen Erzählung über Hexen; vielleicht auch mit einem Sachbuch.

Dies alles hat nichts mit dem vorliegenden Buch zu tun: Der Protagonist der Erzählung ist Arzt von Beruf und begegnet einer sehr alten Patientin (’seine Hexe‘), die ihn auf zwischenmenschlicher Ebene fasziniert. Die beiden unternehmen eine kleine Reise gemeinsam, wobei ‚die Hexe‘ dem Protagonisten die Welt aus ihrer Perspektive zeigt, was für den Arzt einem völlig anderen Blickwinkel gleichkommt. So werden in dieser Erzählung alltägliche Ereignisse und Situationen aus der Sicht dieser erfahrenen alten Dame in philosophischer Hinsicht beleuchtet – wodurch der Protagonist vieles gewissermaßen neu erlebt und seinen Horizont somit wesentlich erweitert.

In dieser Begegnung zwischen ‚Hexe‘ und Protagonist bzw. der daraus folgenden Erweiterung des Horizonts des Protagonisten liegt das Magische der Erzählung; wirklich übernatürliche Elemente sind nicht enthalten. Wer also kein Interesse an übernatürlichen Handlungselementen hat, kann mit diesem Buch trotzdem richtig liegen.

In dieser Hinsicht sind die philosophischen Einblicke und Gedankenspiele ‚der Hexe‘ gewissermaßen die Magie der Erzählung; sie verzaubert seine Welt durch eine Art Erleuchtung.

Figuren:

Die Erzählung fokussiert sich sehr schnell auf den Arzt und seine Patientin als wesentliche Handlungsträger; andere Figuren kommen rasch fast ausschließlich in den Beobachtungen der beiden Figuren vor.

Schnell verfällt der Arzt in eine Schülerrolle, während ‚die Hexe‘ seine Mentorin wird. Dieser Umstand kehrt die Rollenverteilung in der Geschichte um, wenn man an das ursprüngliche Arzt-Patientin-Verhältnis denkt. Unterstützt wird dies durch die Tatsache, dass der Arzt (in der Erzählung als weniger weise dargestellt) lange studiert hat, während die Hexe (als weise dargestellt) ’nur‘ das weiß, was das Leben sie gelehrt hat.

Die Erzählung lebt rasch von dieser interessanten Verbindung zwischen zwei so verschiedenen Menschen; ihre Gespräche sind rasch ebenso zentrale Inhalte des Buches wie die daraus folgenden Erkenntnisse des Arztes.

Philosophisches:

Die Hexe führt den Arzt in ihre Wahrnehmung ein – und damit in eine von Erfahrung geprägte Welt, die für den Arzt einer Art Neuland gleichkommt. Als Leser nimmt man rasch die Position des Arztes ein und folgt aus einer Perspektive der Erzählung – einerseits, weil die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt ist; andererseits, weil die Erzählung den Zweck verfolgt, dass man als Leser ebenso die Rolle des Schülers einnimmt, der den Schilderungen der weisen Lehrerin folgt und von ihnen profitiert.

Dementsprechend verläuft auch die Erzählung: Man folgt den beiden Protagonisten durch die Erzählung und verfolgt alltägliche Geschehnisse, die wir alle schon wahrgenommen haben, aus einer völlig anderen Perspektive. Wie innovativ und damit spektakulär diese Darstellung der erzählten Welt für den Leser ist, dürfte meiner Einschätzung nach stark von der individuellen Persönlichkeit desselben abhängen bzw. der Frage, wie sehr sich seine Weltsicht von der der Hexe unterscheidet. Ich selbst nahm bereits vor der Lektüre der Erzählung vieles ähnlich wie die Hexe dar; somit funktionierte der prognostizierte Zauber der Erzählung bei mir nur bis zu einem gewissen Punkt.

Fazit:

Eine aus meiner Sicht kurzweilige, konzise geschriebene Erzählung ohne unnötige Längen oder Durststrecken, deren philosophische Tragweite stark von der individuellen Weltsicht bzw. der Reflexionsbereitschaft des Lesers abhängt. Ich sehe das große Plus der Erzählung darin, dass sehr gelungen Situationen und Ereignisse als Reflexionsmedium und Fokus der Beobachtungen eingebaut werden, mit denen wahrscheinlich jeder Leser etwas anfangen kann. Realistisch gesehen dürften die philosophischen Einblicke, die sich in erster Linie auf das Thema ‚Lebenswegfindung‘ beziehen, die Leser zum Teil überraschen, während einige Wahrnehmungen durchaus nicht unbekannt sein dürften. In der Summe ein Buch, das ich empfehlen kann – auch wenn der Fall eintreten sollte, dass man die meisten Situationen im Kopf bereits durchgespielt hat, ist die Wahrnehmung der alten Dame dennoch interessant und spannend umgesetzt.

Das Buch lässt sich hier beim Debras Verlag erwerben.

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