Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine kurze Geschichte von Morgen

Ehe diese Rezension mit dem Klappentext des Verharari_homo_deuslags beginnt, möchte ich dem Verlag C.H. Beck für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar recht herzlich danken. Ich finde es großartig, dass ein so bedeutender Wissenschaftsverlag wie C.H. Beck nicht nur großen Pressehäusern, sondern auch kleineren Blogs wie meinem die Chance bietet, an Rezensionsexemplare zu kommen. Vielen Dank daher an dieser Stelle an den Verlag!

Nun eine kleine Vorstellung des Buchs – es folgt der Klappentext des Verlages:

In seinem Kultbuch ‚Eine kurze Geschichte der Menschheit‘ erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In „Homo Deus“ stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen – schöpferische wie zerstörerische – und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom Neandertaler? Was bleibt von uns und der modernen Religion des Humanismus, wenn wir Maschinen konstruieren, die alles besser können als wir? In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.

Stilistisches und Sprachliches

Wenn wir uns Bücher kaufen, wünschen wir uns für gewöhnlich Bücher, die uns in irgendeiner Weise weiterbringen, uns dabei vielleicht nachdenklich machen – und ganz wichtig: Bücher, die uns beim Lesen unterhalten. Gerade Letzteres kann ohne eine dem Menschen nahe Sprache nur schwer erfolgen – und da gerade wissenschaftliche Bücher im Ruf stehen, sprachlich wie stilistisch schwere Kost darzustellen, möchte ich mich zunächst der Sprache des Buchs widmen, um euch der Antwort auf diese Frage näher zu bringen: ‚Ist dies Buch, das ich mir zu Gemüte führen möchte?‘. Denn nur die Wenigsten von euch wünschen sich Bücher, bei denen sie auf jeder Seite über die Sprache rätseln müssen. Die Inhalte sollen schließlich leicht zugänglich sein.

Homo Deus ist ein solches Buch. Der Autor schriebt einerseits analytisch, wissenschaftlich und präzise, doch andererseits auch klar und verständlich – dies, ohne an Wissenschaftlichkeit einzubüßen oder dem Leser seicht zu erscheinen. Dies gelingt ihm meines Erachtens besonders dadurch, dass er bemerkenswert wenig rein deskriptive Passagen verwendet; in den meisten Kapiteln ist sein Sprachstil analytisch geprägt und mit wenigen Ausnahmen werden nur wenige Elemente/Inhalte deskriptiv übermäßig blumig oder ausschweifend dargelegt. Beschrieben wird, was seiner Argumentation zuträglich ist – diese glänzt in den allermeisten Kapiteln damit, wissenschaftliche Erkenntnisse, Beobachtungen und Schlussfolgerungen aus geradezu bemerkenswert vielen Disziplinen zielgerichtet und äußerst reflektiert miteinander zu verflechten.

Schubladendenken oder Interdisziplinarität?

Harari selbst ist von Hause aus Historiker – das bemerkt man beim Lesen wesentlich daran, dass das Gerüst des Buches stark geschichtswissenschaftlich geprägt ist, doch seine geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse stehen nie ohne Erkenntnisse anderer Disziplinen da, die nicht nur das Geschichtliche hervorragend ergänzen, in unsere Zeit kontextualisieren, und zielgerichtet auf eine umfassendere allgemeinwissenschaftliche Ebene heben; sie zeigen auch, dass Harari ein Autor ist, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte: Nicht nur legt er eine äußerst stark ausgeprägte Reflexionsbereitschaft an den Tag (die meines Wissens für treffende wissenschaftliche Erkenntnisse aller Fachrichtungen essenziell ist), man bemerkt auch, dass der Autor über sein ‚Stammgebiet Geschichte‘ hinausgewachsen ist, außerhalb der Schublade ‚Geschichtswissenschaft‘ denkt – und eigentlich eher das ist, was man früher einen ‚Universalgelehrten‘ nannte. Darin besteht meiner Meinung nach die größte Stärke des Buches – es dürfte kaum Vertreter der Humanwissenschaften geben, die nicht zumindest mit Teilen der Abhandlung etwas anfangen könnten. Bemerkenswert ist auch, dass der Autor an vielen Stellen keine eingleisigen Gedanken auswirft, sondern mehrere Optionen mit den dazugehörigen Szenarien entfaltet, die der Unberechenbarkeit unserer Spezies und den damit verbundenen prognostischen Schwierigkeiten gelungen Rechnung trägt.

Inhaltliches

Während Hararis umfassendes Wissen – welches sehr gängige Beispiele aus dem Alltag des modernen Menschen äußerst gekonnt mit kaum bekannten Beispielen z.B. aus der Ur- und Frühgeschichte verbindet – gepaart mit seiner zielgerichtet-konzisen Ausdrucksweise, dazu führt, dass man dem Autor gerne folgt, so birgt ein solch umfassendes Wissen doch andererseits auch den Nachteil, dass man sich als Autor leicht vom eigentlichen Ziel des Buches ablenken lässt. Man könnte vieles sagen, hat andererseits aber auch den eigenen geschichtlichen Fokus, und möchte so vieles zu Papier bringen, was man für erwähnenswert und fachlich relevant erachtet.

Ja, Harari weiß viel. Ja, er formuliert verständlich – und kombiniert spannende, gängige Beispiele mit kaum bekannten Bausteinen (v.a.aber siche nicht ausschließlich im Kapitel Anthropozän) und wirft damit ein neues Licht auf die Welt, in der wir leben. Und: Ja, er verfolgt seine argumentativen Ziele stringent und konzise – doch diese argumentativen Ziele (wie interessant sie auch sein mögen und wie gut und lesernah sie auch ausformuliert sind), fallen oft nicht mit dem zusammen, was ich mir als Leser von dem Buch erhofft habe. Beim Lesen des Klappentext habe zumindest ich mit einem auf die Zukunft gerichteten Buch gerichtet, das gewiss geschichtliche Bezüge aufweist, aber diese letztlich nutzt, um Zukunftsperspektiven zu beleuchten.

Allerdings beginnt der Autor nach einer extrem langen ‚Einleitung‘ erst ca. nach 380 Seiten damit, seinen Blick in die Zukunft zu richten; zuvor waren Zukunftsprognosen eher Inhalt von Halbsätzen oder Andeutungen, während Vergangenheit und Gegenwart des Menschen den Inhalt der ersten vier Fünftel des Buches bildete. Man erkennt das große Wissen das Autors und begreift auch immer, dass er auf einen Punkt hinarbeitet – doch ich hätte mir an vielen Stellen dezidiertere Urteile darüber gefällt, was das für die Zukunft bedeutet. Ich selbst bin glücklicherweise geschichtsinteressiert und generell an Humanwissenschaften interessiert – mich persönlich hat kein Teil des Buches auch nur im Geringsten gelangweilt; ganz im Gegenteil. Doch wenn man ein stark zukunftsgerichtetes Buch erwartet, liegt man hier falsch. Gewiss, nach knapp 400 Seiten wandelt sich der Fokus des Autoren hin zum Zukünftigen – doch zuvor begeben wir uns lange Zeit fast ausschließlich durch die Gegenwart und die Vergangenheit.

In mindestens einem Fall (es geht um den menschlichen Geist) rechtfertigt der Autor diesen gegenwartsorientiert-anthropologischen Ansatz damit, zunächst das Fundament für die kommende Analyse zementieren zu müssen, doch meiner Meinung nach sind die wenigsten der langen Geschichtskapitel wichtig für Hararis abschließende Zukunftsanalyse – bzw. vielleicht sind sie das in der Tat, doch der Autor stellt auf diesen letzten 100 – 150 Seiten kaum Querbezüge her, sodass nur in den wenigsten Fällen klar ist, welche Gedanken der Autor von der Vergangenheit/Gegenwart in die Zukunft transferieren wollte. Mein Eindruck war beim Lesen stark, dass der Autor sein aus meiner Sicht beeindruckend vielseitiges und reflektiertes Wissen in der Tat kanalisieren wollte, dies ist ihm aufgrund seiner Begeisterung und dem damit verbundenen Überschwang an Themen, die letztlich nicht für den eigentlichen Gegenstand der Abhandlung wichtig sind, allerdings nur in den wenigsten Fällen gelungen. Gelungener wären die Querverbindungen vielleicht geworden, wenn der Autor die ersten 400 Seiten (Gegenwart und Vergangenheit) besser mit den verbleibenden 150 Seiten Zukunft verflochten hätte. Er erklärt seine Gedanken, wie bereits unter ‚Stilistisches und Sprachliches‘ vermerkt, sehr gut, spannend, konzise und anschaulich – aber der letztliche Bezug zum Hauptthema ‚Zukunft‘ ist in den seltensten Fällen explizit gegeben.

Fazit:

Wir haben hier eine Anhandlung, die aus meiner Sicht für jeden Humanwissenschaftler – ob Theologen, Psychologen, Anthropologen, Historiker, Soziologen, Philosophen und viele mehr – spannende, interessante und geradezu gradios reflektierte und durchdachte Inhalte und Denkanstöße bietet, auch wenn die Beziehungen zum großen Thema des Buches nicht immer so klar dezidiert sind, wie ich mir sie an vielen Stellen vielleicht gewünscht hätte. Alles zielt gelungen auf Hararis (Etappen-)ziele ab, doch die letztlich wichtigen Brücke zu seiner großen Fragestellung (die Zukunft) schlägt er auf den ersten 400 Seiten aus meiner Sicht zu wenig.

Trotzdem: Die 400 Seiten lohnen und sind neben ihrer Vielseitigkeit und Interdisziplinarität äußerst spannend geschrieben. Und auf den letzten 150 Seiten besinnt sich der Autor letztlich durchaus auf das große Ganze und schlägt gelungene Brücken in die Zukunft.

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