Rezension: ‚Aftermath: Empire’s End‘

Inhalt:20170215empiresend

Empire’s End setzt relativ zeitnah an die Handlung der ersten beiden Bände an: Das altbekannte Team um Norra Wexley befindet sich nach wie vor auf der Jagd nach Großadmiralin Rae Sloane, die ihrerseits Flottenadmiral Gallius Rax – Strippenzieher hinter dem verheerenden Anschlag auf Chandrilla – auf die leblose Welt Jakku verfolgt. Auch der Handlungsstrang um Han Solo und Prinzessin Leia aus Band #2 findet seine Fortsetzung, während Mon Mothma mit den Folgen des verheerenden Anschlags am Liberation Day zu kämpfen hat, die nicht nur sie selbst körperlich und politisch getroffen haben, sondern auch die Neue Republik in eine Ansehenskrise gestürzt hat. Mehr als zuvor möchte man sich nun auf die Jagd nach den verbliebenen imperialen Überresten machen, die in der Galaxis versprengt sind.

Erzählerisches und Sprachliches:

Während sich Aftermath ganz wesentlich auf die Handlung um das von Chuck Wendig neu eingeführte Team um Norra Wexley konzentrierte und Aftermath: Life Debt dieses Element um einen weiteren Haupthandlungsstrang zu Han Solo, Chewbacca und Kashyyyk ergänzte, spaltet sich die Handlung (als Gegensatz zu den Interludes) in Empire’s End sehr schnell in viele kleine Handlungsstränge auf, die alle etwa gleich gewichtig sind – zu diesen zählen u.a. die Situation von Mon Mothma und der Neuen Republik, ein Handlungsstrang zu Han Solo und Leia, die Jagd des Teams nach Rae Sloane, Sloanes Jagd nach Gallius Rax und dessen Machenschaften auf Jakku. Im Verlauf des Romans kreuzen sich diese Handlungsstränge hin und wieder, verschmelzen und verzweigen sich in neue Handlungsverläufe.

Nachdem Wendig vor allem im Falle von Band #1 dafür kritisiert wurde, außerhalb der Interludes nur die Perspektiven verhältnismäßig unwesentlicher und uninteressanter Figuren auf die Zeit nach der Schlacht um Endor darzustellen, gelingt es ihm durch die Beleuchtung dieser verschiedenen Perspektiven hier deutlich besser, das breitgefächerte und umfassende Bild der Galaxis nach der Schlacht um Endor zu zeichnen, welches sich viele seiner Leser bereits für Band #1 erhofft hatten. Ein weiterer Vorteil dieser Aufsplittung besteht meiner Meinung nach darin, dass er nun auch die Perspektiven und Beweggründe einzelner Gruppierungen und Fraktionen besser darlegen kann als in den einzelnen, eher schnappschussartigen Interludes. Während die Interludes v. a. in Band #1, aber auch noch in Band #2, von vielen Lesern gewissermaßen als ‚Rettungsinseln‘ in einem eher drögen und belanglosen Handlungsmeer wahrgenommen wurden, stehen die Interludes für mich in Band #3 noch weniger als schon in Band #2 aus der Haupthandlung hervor. Neben meinem Eindruck, dass die Story Group ihren Trend aus Band #2 fortsetzt, Chuck Wendig immer mehr auch an die wirklich interessanten Inhalte heranzulassen, ist auch die eben beschriebene Aufspaltung der Handlungsstränge meines Erachtens gestaltgebend dafür, dass die Galaxis (und ihre Fraktionen) für den Leser zunehmend plastischer und greifbarer werden.

In sprachlicher Hinsicht muss ich Chuck Wendig für Empire’s End ein großes Kompliment machen – ich bin absolut beeindruckt davon, wie sich der Autor in dieser Hinsicht weiterentwickelt hat: Das Präsens ist nach wie vor Erzähltempus der Haupthandlung, nun allerdings nutzt der Autor zusätzlich die einfache Vergangenheit klug, wohlpositioniert und gekonnt, um ‚unmittelbare Rückblenden‘ in seine Haupthandlung einzubauen, d.h. Rückblenden, die zeitlich sehr direkt mit der Haupthandlung verbunden sind. Ich finde, dass Wendig es auf diese Weise nicht nur schafft, weniger spannende ‚Vorhandlungen‘ mehr als in den ersten beiden Bänden konzise auf einige Sätze herunterzubrechen, er hebt diese Flashbacks auch gut von der tragenden Handlung ab und bewirkt hierdurch, dass sich der Leser mehr auf die tragende Handlung konzentrieren kann, welche auf die Flashbacks folgt (während die Flashbacks diese meist nur etwas ausschmücken).

Von vielen Lesern wurde Wendig in Aftermath auch für seinen schlagsatzdominierten Schreibstil kritisiert, der an die Regieanweisungen von Theatertexten erinnert und der Meinung vieler Leser nach nicht dazu geeignet ist, komplexe Sachverhalte, Emotionen, Schauplätze und Handlungen mit Ausnahme vielleicht von Actionszenen zu beschreiben. Viele Leser attestierten Wendig schon in Aftermath: Life Debt, seinen Schreibstil zugunsten längerer Sätze optimiert zu haben – in Aftermath: Life Debt hat er diese Entwicklung nun weiter kräftig vorangetrieben: Wendigs Regie-Schlagsätze finden sich nun fast ausschließlich wohlpositioniert an den Stellen, an denen sie gut passen und die Handlung gut stützend voranbringen. Andersherum nutzt Wendig zunehmend komplexere Sätze und schafft es damit meiner Meinung nach besser denn je, politische Sachverhalte verständlich und leserfreundlich darzulegen und auch Nicht-Actionszenen gelungen zu erzählen. Er schafft es auch, die für ihn typischen, ’schnellen‘ Dialoge, in denen die Beträge der Redenden kaum durch den Erzähler ausgeschmückt werden, besser mit längeren, nicht dialogischen Passagen zu kombinieren, welche Einsicht in die Rahmenbedingungen der Dialoge ermöglichen. Ich persönlich bemerke den Erfolg dieser Maßnahmen daran, dass ich mich nach dem Ende von Aftermath kaum mehr an einzelne Figuren erinnern konnte, während mir nun Figuren wie Brentin Wexley, Rae Sloane, Sinjir, Norra Wexley und Snap Wexley in Erinnerung bleiben und die einst vagen Eindrucksfetzen dieser Figuren aus Band #1 in meiner Vorstellung immer mehr zu dreidimensional-plastischen Figuren wurden, die ich mag, die mich interessieren und mit denen ich auch etwas anfangen kann.

Einheitskanons-Vagheit?

Viele Leser, welche die neue Einheitskontinuität mit den Legends vergleichen, kritisieren seit A New Dawn die ‚Vagheit‘, welche die Literatur dieses neuen Kanons ihrer Meinung nach befallen hat; ihrer Meinung nach beinhalten viele Geschichten zu wenig eigene ‚Substanz‘, um aus sich heraus interessant zu sein.

Ich kann nicht sicher sagen, ob die Story Group Chuck Wendig nun immer mehr an Themen, Informationen und Darstellungen heranlässt, die dem Autor zuvor verboten worden waren, oder ob Chuck Wendig eigeninitiativ erst nach Band #1 immer mehr an die Inhalte gegangen ist, welche die Leser wirklich faszinieren (ich selbst vermute sehr stark, dass Ersteres zutrifft) – ausschlaggebend ist, dass der Autor besonders (aber definitiv nicht ausschließlich!) in der zweiten Hälfte des Romans immer mehr Themen, welche die breite Masse der Leser interessieren dürften, mit einer Dezidiertheit und Explizitheit anschneidet, die mich vollkommen überrascht hat. Um Spoiler zu vermeiden, möchte ich nicht genau sagen, worum es hierbei inhaltlich genau geht – die Stichpunkte Jakkus Zweck, Palpatine, Thrawn, Schlacht um Jakku und Erste Ordnung sollen an dieser Stelle genügen. Mir persönlich beweist Aftermath: Empire’s End nach u.a. Dark Disciple und Lost Stars damit einmal mehr, dass mir viele der ersten Bücher des Kanons nicht aufgrund der Schuld der Autoren so wenig zugesagt haben (schließlich weiß ich aus anderen Büchern, dass z.B. John Jackson Miller und James Luceno Bücher schreiben können, die mir gefallen), sondern aufgrund von Disneys Geheimhaltungspolitik so vage und damit für mich unzufriedenstellend waren, wie sie waren.

Wie schon oben erwähnt, stehen die Interludes in Empire’s End für mich deutlich weniger krass aus der Haupthandlung hervor wie die Interludes in Aftermath und Aftermath: Life Debt. Neben der bereits angesprochenen, verhältnismäßig stark dreidimensional ausgeprägten Darstellung der Galaxis hängt diese Wahrnehmung der Interludes meines Erachtens auch damit zusammen, dass die Haupthandlung in Empire’s End weniger vage ist – und damit in Bezug auf galaxisweite Tragweite deutlich relevanter, als in den beiden Vorbänden. Wendig deckt mehr von der Galaxis ab, erzählt umfassender und vielperspektivischer – so verschwimmen die Interludes, welche als ‚Momentaufnahmen‘ bisher wesentlicher als die Haupthandlung den Zustand des Galaxis dargestellt haben, immer mehr mit der Haupthandlung, die dies zunehmend mehr tut. Auch verbinden sich die Interludes thematisch und in Bezug auf die Personen mehr als zuvor mit der Haupthandlung des Romans, sodass die Grenze zwischen Interludes und Haupthandlung immer weniger klar wird. Verstärkt wird diese Wahrnehmung durch Prolog und Epilog, welche die Haupthandlung in größere Zusammenhänge setzen – die sich letztlich auch auf die Galaxis als solches übertragen lassen.

Abseits dieser Elemente lässt der Autor deutlich mehr ‚Extras‘ als in den ersten beiden Bänden in seinen Schilderungen fallen, d.h. es gibt mehr dieser ’netten, beschreibenden Infofetzen‘, welche zwar nicht die Haupthandlung voranbringen, aber umso dazu beitragen, dass die aus den Filmen bekannte Galaxis für den Fan/Leser plastischer und damit greifbarer wird – diese Extras waren für mich persönlich einer der Hauptgründe, überhaupt mit dem Lesen von Star-Wars-Literatur anzufangen; ich empfand es als schade, dass die ersten Bücher des neuen Kanons zunächst verhältnismäßig wenige dieser Extras beinhalteten und schätze nun den Umstand, dass Aftermath: Empire’s End in eine andere Richtung geht; auch, indem es den Trend anderer Romane fortsetzt, bekannte Figuren und Elemente der Legends wieder in den Kanon zurückzuführen.

Figuren, Orte und Handlung

Ein weiteres großes Plus des Romans ist meiner Meinung nach auch die Art und Weise, wie sich Wendig darin weiterentwickelt hat, das Innenleben und die emotionalen Zustände seiner Figuren darzustellen. Ich möchte bei weitem nicht sagen, dass er diese Fähigkeit so meistert, wie beispielsweise A.C. Crispin in ihrer Han-Solo-Trilogie (dazu bleiben beispielsweise manche Figuren wie Conder Kyl einfach zu vage), aber im Vergleich zu Aftermath hat er sich hinsichtlich Innenlebens- und Emotionsdarstellungen im Wesentlichen stark verbessert, was ich ganz wesentlich darauf zurückführe, dass er diesen Elementen einerseits in Form dekriptiver Passagen bewusst mehr Achtung schenkt und er mittels längerer Sätze und elaborierterer Passagen diese Inhalte andererseits auch, wie bereits angemerkt, besser ausdrücken kann. Trotzdem gibt es immer wieder Passagen im Roman, in denen viele Namen und Bezeichnungen fallen, die im weitesten Sinne unkontextualisiert erwähnt bleiben – und in denen man sich als Leser immer wieder fragt, welche dieser kurz fallengelassenen Bezeichnungen man sich für die Zukunft einprägen sollte und welche man vernachlässigen kann. Doch auch hier möchte ich letztlich eine Lanze für Wendig brechen: Ich halte es sehr gut für möglich, dass man ihn von Story-Group-Seite darum gebeten hat, im Zuge der sogenannten Verzahnung der Einheitskontinuität (wie beispielsweise die Erwähnung von Hosnian Prime in der Journey-Literatur) hin und wieder Namen zu erwähnen, die eines Tages vielleicht relevant werden – wie Hosnian Prime allerdings mit geringem Erfolg, da nur die wenigsten dieser Namen dem Leser bewusst im Kopf bleiben (mir war die Verbindung zwischen dem Hosnian-System in der Journey und bei The Force Awakens kaum bewusst beim Sehen). Diese auf Erwähnungen basierende Verzahnung bleibt für mich somit ein guter Wille mit allerdings wenig Effekt.

Ein großes Defizit des Romans ist meines Erachtens nach wie vor die Darstellung von Räumen. Schon in Life Debt wurde die vage und spärliche Darstellung Kashyyyks von den Lesern kritisiert – mein Eindruck des Romans ist, dass sich dieser Trend in Empire’s End fortsetzt: Es gibt beispielsweise eine Szene, in der ein Kopfgeldjäger zu einem Gewehr greift und anlegt, ohne, dass die räumlichen Umstände zuvor näher dargelegt werden bzw. zuvor näher dargelegt worden wären; in solchen Szenen erscheinen mir die Figuren wie Cartoons, deren nahes Umfeld rasch in Weiß übergeht, wobei man sich als Leser (meist vergeblich) wünscht, dass das Weiß gefüllt werde. Selbst die deskriptiven Szenen auf Jakku lassen häufig Räumlichkeiten unerklärt oder mangelhaft erklärt, sodass ich beispielsweise bisweilen Probleme dabei hatte, mir zu merken, wo sich welche Person auf Jakku befindet und wie weit man sich auseinander befindet.

Hinsichtlich der Handlung finde ich, dass die im Verhältnis zu den ersten beiden Bänden oft schnelleren Sprünge zwischen den zumeist (deutlich) spannenderen Handlungssträngen die Spannung auf ein deutlich höheres Niveau hebt, als das in Band #1 der Fall war, wo sich die Haupthandlung fast ausschließlich auf das für viele Leser wenig interessante Team beschränkte. Die Tatsache, dass sich weite Teile die Handlung recht schnell auf Jakku und letztlich die Schlacht um Jakku konzentrieren und damit nach Kashyyyk eine weitere Welt in den Fokus der Handlung genommen wird, für die sich die meisten Leser interessieren, hielt die Spannung für mich zusätzlich aufrecht. Ich jedenfalls wollte stets mehr und Neues über Jakku erfahren – und wurde hierbei auch nicht enttäuscht; auch wenn ich fand, dass man in der Mitte des Romanes einige Passagen auf Jakku und Nakadia teils deutlich konziser und kompakter hätte erzählen können. Doch auch wenn in diesen Passagen die Spannung abnimmt, bemerke ich an der Tatsache, dass ich letztlich immer weiterlesen wollte, dass der Roman auch in diesen Passagen besser gewesen sein muss, als einige Passagen der ersten beiden Bände – wo ich mich teilweise stark zwingen musste, den Roman nicht abzubrechen. Letztlich mündet der Roman – was schon aufgrund des Buchumschlags kein Staatsgeheimnis ist – in der Schlacht um Jakku, die der Autor – wie Jen Heddle in ihrem Blogeintrag anmerkte – aus völlig verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ich finde es geradezu bemerkenswert, wie Chuck Wendig es einerseits schafft, die Schlacht spannend zu erzählen, und andererseits doch noch Raum für weitere Elemente lässt (zum Beispiel taucht das Renegaten-Geschwader in der Schlacht nicht auf), die man zusätzlich auch in anderen Zusammenhängen noch spannend erzählen könnte.

Fazit

Aus meiner Sicht definitiv in sprachlicher, inhaltlicher, erzählerischer und spannungsbezogener Hinsicht das beste Buch der Trilogie. Chuck Wendig spaltet die Handlung gelungen auf und führt nachher vieles in der Schlacht um Jakku wieder gelungen zusammen und bietet darüber hinaus viele spannende und erhellende Einsichten in die Galaxis nach der Schlacht um Endor – Einsichten, die sich viele von uns schon mit Band #1 erhofft hätten.

Auch sprachlich entwickelt sich Chuck Wendig weiter, wer grundsätzlich keine Probleme mit den wendig’schen Charakteristika (Präsens, teils kurze Sätze) hat, aber bisher von der Art und Weise enttäuscht war, wie diese von Chuck Wendig umgesetzt wurden, sollte der Trilogie und damit auch Chuck Wendig aus meiner Sicht noch eine Chance geben.

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