Rezension: ‚The Phoenix and the Turtle‘ von William Shakespeare

Wie ihr vielleicht über Twitter oder auch Facebo51idaovy8bl-_sx317_bo1204203200_ok mitbekommen habt, habe ich nun den Teil des Star-Wars-Legends-EUs abgeschlossen, den ich mir selbst vorgenommen hatte: Wenn ich nichts übersehen habe, habe ich nun alle Romane und Jugendromane des alten Kanons gelesen und gehe nun nach über 10 Jahren den großen Schritt, andere Literatur als Star Wars zum ‚Megafokus‘ meines Lesens zu machen.

Nach einer wirklich langen Pause gibt es nun endlich einen neuen Eintrag. Warum gerade jetzt bzw. erst jetzt? Wie die Beschreibung des Blogs darlegt, ist dieser Blog nicht in erster Linie als Star-Wars-Bücherblog konzipiert, sondern soll hauptsächlich andere Literatur besprechen. Etwas unglücklich für diesen Schwerpunkt, wenn man gerade in den ersten Monaten nach Blogbegründung noch etwa 30 Romane vor sich hat! Dieser Umstand war – neben der Tatsache, dass ich auch privat in den letzten Monaten recht ausgelastet war – der Grund, weswegen es um diesen Blog etwas stiller geworden ist. Ich wollte mir einem neuen Kapitel beginnen.

Nun also ist der letzte Legends-Roman gelesen und das neue Kapitel kann beginnen. Zu diesem Anlass habe ich mir ein Büchlein namens ‚Immortal Poems of the English Language‘ (Herausgeber: Oscar Williams) zugelegt, randomly auf einer Seite aufgeschlagen und bin dabei auf Shakespeares Gedicht ‚The Phoenix and the Turtle‘ gestoßen.

Nundenn, dies ist die erste Lyrik-Rezension dieses Blogs – und es ist klar, dass ich an diese Rezension anders herangehen werde, als an die bisherigen Rezensionen, die ausschließlich Prosa thematisiert haben. Ich werde im Folgenden ganz kurz über die Rahmenbedingungen des Gedichts sprechen und anschließend zu meiner Auslegung des Inhalts kommen.

‚The Phoenix and the Turtle‘ gilt bei manchen als eines der unklarsten oder vielleicht sogar als DAS unklarste aller Shakespeare-Werke – es wäre also interessant, zu sehen, ob ihr als meine Leser eine andere Wahrnehmung habt. Lasst es mich in den Kommentaren wissen. Wer das Gedicht noch nicht gelesen hat und dies gerne nachholen möchte, kann das an dieser Stelle tun.

Für mich beginnt in der ersten Strophe bereits ein Kontrast zwischen ‚idealen Liebhabern‘ (chaste wings) und ‚unidealen Liebhabern‘ (birds of loudest lay) in Gestalt von christlich-religiösen Vogelelementen durch die Beschreibung ‚herald sad and trumpet‘ als Repräsentation von dissonanten Geräuschen, die den ‚birds of loudest lay‘ zugeordnet werden.

Die zweite Strophe spricht mit ’shrieking harbinger‘ aus meiner Sicht exakt diese ‚unidealen Liebhaber‘ an und verstärkt die Darstellung dieser ‚unidealen Liebhaber‘ durch ‚[f]oul precurrer of the fiend‘ und ‚Augur of the fever’s end‘ – der letzte Vers der Strophe baut eine Distanz zwischen idealen und unidealen Liebhabern auf – ‚[t]o this troup come thou not near‘. Klar wird dadurch auch, dass es in den weiteren Strophen um die ‚ideale Liebhaber‘ gehen wird.

In der dritten Strophe wird klar, dass es ein Treffen geben wird, zu dem nur ideale Liebhaber und königliche Liebhaber zugelassen werden, während ‚[e]very fowl of tyrant wing‘ von der Sitzung ausgeschlossen wird. Es geht im folgenden also um ein Zusammenspiel idealer Liebhaber – noch ist nicht klar, worum es dabei gehen soll.

Erst in der nächsten Strophe wird anhand von ‚defunctive music‘ klar, dass es sich um eine Beerdigung handeln wird – erneut wird ein Mensch, nämlich der Priester, der weiße Schwan, als religiös-christliches Element mit Reinheit/Idealität in Verbindung gebracht; in einem wunderbaren Kontrast wird die Krähe als Vogel des Todes mit Dissonanz in Verbindung gebracht und dazu aufgefordert, vom Treffen fernzubleiben, da nur ideale Wesen erlaubt sind. Der Kontrast zwischen Krähe und Schwan wird im Weiteren dadurch untermauert, dass der Schwan die Krähe in Größe weit überlegen ist.

Nachdem der letzte unideale Gast der Beerdigung entflohen ist, beginnt in der sechsten Strophe das Requiem. Die beiden idealen Liebhaber – repräsentiert durch die erhabenen Vögel Phoenix und Turteltaube (turtle ist hier aus meiner Sicht nicht mit einer Meeresschildkröte gleichzusetzen!) sind verstorben und wurden kremiert, wobei das Feuer hier natürlich doppeldeutig auch das Vergehen des Phoenix repräsentiert.

Die folgenden vier Strophen beschreiben die Liebe der beiden idealen Liebhaber: So eng waren sie verbunden, dass sie quasi als ein Wesen galten und gewissermaßen ein gemeinsames Leben führten – interessanterweise wird mit ‚this Turtle and his queen‘ klar, dass es sich nicht etwa um eine homosexuelle Liebe handelt (was bei Shakespeare durchaus vorkommen kann), sondern um eine Liebe zwischen Mann und Frau.

In der nächsten Strophe tritt bereits mit dem ersten Wort des ersten Verses, also ‚Reason‘, aus meiner Sicht eine neue Person in das Geschehen ein. Ich denke, es handelt sich hierbei um eine Art ‚lyrischen Chronisten‘, der – wie diese Strophe und die beiden nächsten darlegen – die Liebe der beiden Vögel/Menschen in einem Gedicht niederschreiben möchte, weil er sie als so auf ideale Weise herausragend wahrnimmt. Die Tatsache, dass der Chronist nur als ‚Reason‘ bezeichnet wird und auf seine Tätigkeit als Schreiber der Liebesgeschichte reduziert wird, macht manifest, wie ideal/vernünftig/perfekt diese Liebe ist. Sie MUSS geradezu niedergeschrieben werden, alles andere wäre Unsinn.

Es folgt nun die Schilderung, dass nun das Threnos (im Griechischen eine Art Klagelied) des Chronisten folgt. Ich finde es an dieser Stelle sehr interessant, dass Shakespeare gewissermaßen zwischen den lyrischen Ebenen springt – er baut ein Gedicht im Gedicht ein und baut so das Werk einer eigentlich fiktiven Person ins Werk ein. Ich habe ein derartiges Vorgehen so bisher in noch keinem Gedicht erlebt.

Es folgt nun eine Zäsur, welche durch die Überschrift ‚Threnos‘ darlegt, dass nun das Gedicht im Gedicht folgt. Überdies macht sich die Zäsur an der andersartigen Strophenstruktur bemerkt, die ab nun statt vier Zeilen drei Zeilen beinhalten. Dazu passend werden im ersten Vers drei herausragende Eigenschaften der Liebenden genannt und anschließend durch eine vierte im zweiten Vers ergänzt – die Tatsache, dass drei Eigenschaften genannt werden und nicht zwei (eine davon könnte jedem Liebenden zugeordnet werden), legt auch hier nahe, dass das Paar diese Eigenschaften in ihrer Liebe teilt – wodurch die Zusammengehörigkeit/das Zusammensein des Paares erneut untermalt wird. Auch die Tatsache, dass das Paar gemeinsam in einer Urne zur Ruhe gebettet wird, stellt die Zusammengehörigkeit der beiden dar – die im Tod weit über das Leben hinausgeht und somit für die Ewigkeit bestehen bleibt.

Die Tatsache, dass es sich um eine heterosexuelle Liebe handelt, wird auch dadurch untermalt, dass die Kinderlosigkeit des Paares thematisiert wird, die explizit nicht einer Art körperlichen Schwäche zugeschrieben wird, sondern christlich-zölibatärer Enthaltsamkeit, die damit der idealen Liebe zugeschrieben wird. Die zweitletzte Strophe beschreibt erneut herausragende Eigenschaften der beiden Liebenden – das Gedicht im Gedicht endet schließlich der Aussage, dass auch über die Totenfeier/Beerdigung hinaus nur Personen zu der Urne der Liebenden kommen dürfen, die ‚true or fair‘ sind – um den beiden Liebenden Gebete zu bringen.

Als Fazit würde ich festhalten, dass es sich hierbei um ein meiner Meinung nach sehr schweres, aber auch wunderschönes Gedicht handelt, das mir einmal mehr zeigt, warum Shakespeare unter nicht wenigen Literaturliebhabern zu den größten Dichtern dieses Planeten zählt. Es lohnt sich wahrhaft – sich mit diesem Gedicht näher auseinander zu setzen, das Ergebnis lohnt sich, auch wenn man viel Geduld und Zeit braucht – was einerseits der Tatsache zuzuschreiben ist, dass Sprache und Denken des Gedichts gut 500 Jahre alt sind; andererseits ist das Gedicht aber auch inhaltlich eher schwer fassbar.

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