Karen Miller: ‚Im Verborgenen‘ und ‚Unter Belagerung‘

Star Wars Clone Wars 4 von Karen MillerMit ‚Im Verborgenen‘ entsendet Karen Miller ihre Leserschaft im ersten Band eines Zweiteilers erneut mitten in die kampfgepeitschten Wirren der Klonkriege – und doch zieht es den Leser, anders als man vielleicht vermuten würde, nicht in erster Linie in das Schlachtengetümmel zwischen die Kampfdroiden der Separatisten und die Klonkrieger der Republik.

Mit ‚Im Verborgenen‘ liefert Karen Miller eine persönliche Geschichte fast schon à la MedStar, die einerseits einen wesentlichen Schwerpunkt auf den Mikrokosmos von Anakin Skywalker und Obi-Wan Kenobi legt, aber andererseits den Makrokosmos der Republik nicht nur nicht aus den Augen verliert, sondern teils aus erfrischend neuen Blickwinkeln und Perspektiven betrachtet. Als ich mit der Lektüre des zweiten Bands ‚Unter Belagerung‘ begann, hatte ich die Rezension des ersten Band noch nicht fertiggestellt – ich bemerkte allerdings rasch, wie nahtlos die Bände tatsächlich ineinander übergehen und wie sehr sie sich stilistisch und niveaulich ähneln. Schnell war die Entscheidung gefällt, diese Geschichte in einer Rezension über die Bühne zu bringen; wo die beiden Teile doch nur auf dem Papier und nicht im Inhalt getrennt sind.

Folgt meiner spoilerfreien Rezensionen zu weiteren Gedanken, Eindrücken und Analysen und entscheidet für euch, ob diese Duologie – deren beide Teile so sehr aus einem Holz geschnitzt sind – euer Interesse findet.

Synopsis:

Kaum haben sie einen Einsatz an der Front mit dem Ausblick auf einige Tage Urlaub und Erholung abgeschlossen, führt ein vom schlechten Gefühl Senator Organas begleiteter Hinweis auf eine undeutliche, aber nicht ignorierbare Gefahr die Jedi Anakin Skywalker und Obi-Wan Kenobi auf einem kleinen und unscheinbaren Planeten namens Lanteeb.

Bald schon spüren die beiden Jedi, dass Organas Hinweise nicht aus der Luft gegriffen sind und auf Lanteeb tatsächlich etwas aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Rasch geraten geraten die beiden Jedi erneut an den Feind der Republik, der bereits am Verderben des Galaktischen Senats und seiner Republik arbeitet.

Struktur, Stil und Platz:

Die Duologie gliedert sich rein formal in zwei Teile, die allerdings nur auf dem Papier wirklich zu trennen sind. Stilistisch, inhaltlich und auch niveaulich setzt ‚Unter Belagerung‘ das fort, was ‚Im Verborgenen‘ begonnen hat. Ich habe in meinem Leben viele Duologien und Trilogien gelesen – doch nur wenige sind so sehr aus demselben Holz geschnitzt wie diese Duologie. Charakterlich, stilistisch, inhaltlich.

Ich kann daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestätigen, dass Fans des ersten Bandes auch den zweiten Band lieben werden. Eine solche Kontinuierlichkeit habe ich bei Duologien selten gesehen. In jeder Hinsicht.

Der Stil der Duologie – ich kann hier allerdings nur von der Übersetzung sprechen – ist in jeder Hinsicht sehr angemessen. Die Figuren wirken authentisch, die Darstellungen ihrer und der Handlung ist nicht überzogen, sondern absolut adäquat. Bemerkenswert ist auch, wie ausgezeichnet es Karen Miller gelingt, den Leser über tausend Seiten zu fesseln und das auch – oder ganz besonders – an Stellen, wo handlungstechnisch nicht viel geschieht. Diesen Umstand würde ich in erster Linie den absolut faszinierenden und authentisch dargestellten Figuren zuschreiben, die wirklich auf jeder Seite der Duologie Spaß machen. Passiert nichts zur Geschichte, fiebert man mit den Figuren; passiert nichts mit der Missionshandlung, fesseln einen die Figuren. Passiert auf beiden Ebenen nichts – was höchst selten ist – so genießt man als Leser dennoch seine Zeit auf Lanteeb.

Figuren:

Ich nehme meine wesentliche Aussage kurz und knapp vorweg: Die Duologie lebt in erster Linie aus und für ihre Figuren. Diese Figuren prägen nicht nur die Lebhaftigkeit und Lebendigkeit der Duologie, sie sind auch das Herzstück dessen, was die Duologie so großartig macht: Selten habe ich Anakin Skywalker und vor allem Obi-Wan Kenobi in einer Geschichte so authentisch getroffen und doch innovativ erlebt, wie im Lanteeb-Zweiteiler – dies einerseits, weil Miller die bekannten Charakterzüge und Prägungen der beiden Figuren hervorragend zum Tragen bringt, sondern beide Jedi auch um neue Elemente wie z.B. ihr Verhalten in Schwäche erweitert, die so in bestehenden EU-Romanen und den Filmen nur wenig thematisiert werden und sich trotzdem perfekt in das Bild der Figuren einfügen. Auch aus älteren EU-Werken und den Filmen bekannte Elemente wie der Bezug zum Thema ‚Liebe‘ werden sehr gut neu aufgenommen und weitergesponnen.

Doch es sind nicht nur die beiden Hauptfiguren, welche die Geschichte aus meiner Sicht so grandios machen – Karen Miller stampft auch völlig neue Figuren aus dem Boden und setzt diese in der Geschichte so raffiniert um, dass sie einem ebenso aus den Seiten entgegensteigen wie Obi-Wan und Anakin. Man bemerkt nach kurzer Zeit nicht mehr, dass man diese Figuren erst gerade kennengelernt hat; Millers Figurenmodellierungen sind so authentisch und plastisch, dass man sie sehr schnell zu lieben und zu hassen gewinnt und sie sofort in den persönlichen Star-Wars-Kosmos einbettet.

Vor allem im Falle des aus der TV-Serie ‚The Clone Wars‘ bekannten Separatisten Lok Durd, aber auch im Fall von Bail Organa, erweitert Karen Miller auch Neb
enfiguren so gekonnt, dass man als Leser die Figuren im Kopf automatisch um die Erweiterungen ergänzt und sich beim nächsten Anschauen der Filme oder der Serie gar nicht mehr zwischen der Buch- und der Filmdarstellung trennt. Man könnte zwar, aber man will nicht – so authentisch und glaubhaft sind Millers Erweiterungen. Insbesonders im Falle Lok Durds war Miller auch durchaus sehr mutig, was die neuen Facetten der Figur anbelangt. Sie hat hoch gepokert – und aus meiner Sicht den Jackpot abgesahnt.

Handlung und Perspektivliches:34502568z

Bei all diesen Schilderungen über die Figuren wird es wohl keinen verwundern, dass ich die Handlung in erster Linie als figurenorientiert wahrgenommen habe; was ich insbesonders im Kontext der Tatsache, dass es sich um eine Weitererzählung von ‚The Clone Wars‘ handelt, beim Lesen sehr geschätzt habe. Man erwartet zunächst eine weitere, detailliert ausgeführte Mission der Klonkriege – man bekommt diese auch so, aber grandioserweise gespickt mit allen möglichen Extras, die man von der Duologie vorab vielleicht nicht erwartet hätte:

Die Handlung thematisiert die Lage auf Lanteeb. Soweit die Erwartungen. Was man vielleicht nicht erwartet, sind Millers zusätzlichen Ausführungen zu Obi-Wan, Anakin, Yoda und Bail Organa – großartig dadurch in Szene gesetzt, dass die Szenen der Geschichte aus diesen und vielen weiteren Perspektiven geschildert werden. Ja, man hat eine Wahrnehmung der Mission erwartet, aber keine so facettenreiche und nicht aus der Perspektive so vieler unterschiedlicher Figuren. Die Mission lebt zwar aus und für sich selbst und funktioniert eigenständig, aber neben der Freude an einer spannenden Mission ist es auch die erfrischende, neue und doch authentische Darstellung der Mission aus der Perspektive der handelnden Figuren, welche nicht nur die vielschichtige Tragweite und Bedeutung der Lanteeb-Krise in den Vordergrund stellt, sondern die Figuren in dieser auch für die Wahrnehmung des Lesers wachsen lässt.

Ein besonderes Schmankerl waren für mich einige Szenen, in welchen die Handlung aus der Perspektive von Darth Sidious mit seinen Gedanken und Schlussfolgerungen geschildert wird. Dies hätte keiner von Karen Miller verlangt und sie bringt es dennoch ein – und dies auf wirklich beachtliche Weise.

Worldbuilding:

Dreh und Angelpunkt der Mission sind die Welten Lanteeb und Coruscant. A
uch wenn die Hauptfoci der Romane auf Mission und Figuren liegen, kommt das Worldbuilding nicht zu kurz. Coruscant wird um spannende Aspekte ergänzt – und mit Lanteeb wird eine Welt erschaffen, die in verschiedener Hinsicht zwar unbeackert bleibt, aber dennoch all das und mehr bietet, was man von der Welt für den Auftrag der Jedi wissen will.

Lanteeb funktioniert in und für die Handlung und die Figuren – und passt damit zu einem figurenorientierten Roman. Kein unnötiger Firlefanz, der keine Tragweite hat, sondern die wesentlichen Dinge leserorientiert und spannend. Eine Welt, die noch unbekannte Aspekte für neue Geschichten bereithält – so noch ein Autor nach Lanteeb reisen will – und dennoch die Handlung so trägt, wie man es sich von einem Setting wünscht.

Schon ganz zu Beginn des zweiten Bands zentriert sich die Handlung rasch auf ein kleines Dorf irgendwo auf Lanteeb, die Fokalisierung blendet rasch weite Teile des restlichen Planeten aus – was negativ und öde klingt, macht allerdings in Wirklichkeit gerade die Authentizität des Worldbuildings aus. Das Dorf Torbel – der zentrale Handlungsplatz des zweiten Bandes – repräsentiert Lanteeb, zeigt die Gesellschaft und ihre Prägungen und demonstriert das Leben auf Lanteeb damit besser als es weitere Reisen auf Lanteeb könnten. Man fühlt sich als Leser wohl und angekommen. Die Welt entsteht vor dem inneren Auge (bei mir ähnelte sie stark der Darstellung Malastares in den Zillo-Biest-Folgen aus ‚The Clone Wars‘) und wächst dort wie in einem Treibhaus heran.

Fazit:

Wer Obi-Wan mag, wer Anakin mag, wer The Clone Wars mag, wer eine spannende Star-Wars-Geschichte mag – ihr seid alle richtig bei dieser wundervollen Duologie. Karen Miller hat hier eine Duologie geschrieben, die (halbwegs) lose Enden aufsammelt (z.B. warum fühlen sich Obi-Wan und Organa in Episode IV so verbunden?), neue Fässer gekonnt öffnet und schließt und alte Qualitäten aufpoliert und zur Geltung bringt.

Ein Roman, der für viele neue und alte Figuren lebt – und dennoch eine Welt samt Mission heraufbeschwört, die beide aus eigenem Recht leben und dem Leser aus dem Buch entgegensteigen. Volle Figuren und volle Handlung.

Es ist eine Duologie, die ‚The Clone Wars‘ atmet – und doch immer wieder positiv aus der ‚The-Clone-Wars‘-Reihe tanzt und Neues versucht. Eine Duologie, die mutig ist – und gewinnt. Wohl unter den besten Star-Wars-Büchern, die ich seit langem gelesen habe.

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