J.K. Rowling: Harry Potter and the Cursed Child

Harry_Potter_and_the_Cursed_Child_Special_Rehearsal_Edition_Book_CoverEinige Jahre nach ‚Harry Potter and the Deathly Hallows‘ erscheint nun die von einigen lang erwartete, von anderen lang gefürchtete Fortsetzung der Harry-Potter-Reihe – dies erfolgt jedoch nicht in Form eines weiteren Romans, sondern in Form eines Theaterstücks.

Im Folgenden findet ihr nun meine Rezension des Theatertexts, das Stück selbst auf der Bühne habe ich nicht gesehen.

Ich werde im Folgenden versuchen, meine Eindrücke ohne Spoiler zu rezensieren.

Synopsis:

Das Theaterstück setzt dort an, wo der siebte Roman der Harry-Potter-Reihe endet: 19 Jahre nach der Schlacht um Hogwarts bringen die inzwischen verheirateten Harry und Ginny ihre Kinder James und Albus ebenso zum Hogwarts-Express wie Ron und Hermine ihre Tochter Rose.

Im weiteren thematisiert das Stück aus Albus‘ Perspektive dessen erste vier Jahre in Hogwarts. Ich möchte inhaltlich nichts vorweg nehmen, ich kann nur sagen, dass es zu ungewöhnlichen Reisen und noch ungewöhnlicheren Freundschaften kommt…

Sprachliches:

Zuallererst: Stellt euch darauf ein, dass ihr keinen weiteren Roman im Stile der sieben Vorgängerwerke, sondern einen Theatertext lesen werdet, der sich strukturell in Akte und Szenen gliedert, einen sehr starken Fokus auf die Sprechakte der einzelnen Figuren legt und darüber hinaus neben einigen Regieanweisungen über nur wenige zusätzliche deskriptive Elemente verfügt.

Als studentische Hilfskraft einer Theaterwissenschaftlerin bin ich persönlich daran gewohnt, Theatertexte dieser Sorte zu lesen und ich lese diese Sorte Texte auch sehr gern – wer an diese Erzählform allerdings nicht gewohnt ist, wird meiner Vorstellung nach zunächst an der ungewöhnlichen Erzählform hängen bleiben. Ich rate an dieser Stelle ausdrücklich dazu, der Erzählform ein bisschen Zeit zu geben und munter weiter zu lesen, man gewöhnt sich meiner Schätzung nach auch als Neuling rascher an die Erzählform als man anfangs noch erwartet.

Da ich – als die Harry-Potter-Bände damals erschienen – noch über kein sehr fortgeschrittenes Englisch verfügte, habe ich mit Ausnahme des siebten Bandes keines der Werke im englischen Original gelesen. Ich kann also nur wenig Aussage eigener Erfahrung darüber treffen, wie die Originalsprache der der sieben Romane von der des Stücks abweicht. Die Sprache ist jedenfalls, wie in den deutschen Ausgaben, aus dem Leben gegriffen und wirkt authentisch. Für mich persönlich würde ich jedenfalls sagen, dass sich dieses Stück – trotz seiner ungewohnten Erzählform und dem Zeitsprung von 19 Jahren – total nach ‚Harry Potter‘ anfühlt und sprachlich/stimmungstechnisch genau in die Kerbe der Heptalogie schlägt.

Trotz dem das Werk über 300 Seiten lang ist (deutlich mehr als ich von Theaterstücken gewohnt bin), kommt – wie in den ersten sieben Bänden – keine Phase der Langeweile oder gar eine Durststrecke auf; Rowlings Stil ist, wie gewohnt, kontinuierlich spannend und führt auch im Falle dieses Teils dazu, dass man problemlos stundenlang weiterlesen kann, ohne auch nur das Bedürfnis zu verspüren, das Buch niederzulegen.

Struktur und Inhalt:

Das Stück – auf der Bühne soll es nach allem, was ich gelesen habe, wohl an die 5 Stunden dauern – ist als Theatertext in zwei große Teile unterteilt, welche ihrerseits in jeweils zwei Akte untergliedert sind; jedes dieser vier Kompartimente führt auch eine inhaltliche Zäsur mit sich.

Die ersten Szenen sind eher sprunghafter Natur; das Stück springt in relativ kurzer Zeit allmählich bis zu drei Jahre in die Zukunft, wo sich die Haupthandlung schließlich in Albus Potters viertem Schuljahr als zeitlichem Rahmen einpendelt. Auch wenn die ersten drei Schuljahre von Albus Potter recht rasch vorbeiziehen, hat der Leser nicht den Eindruck, wesentliche Elemente im Leben des Albus Potter zu verpassen – in diesem Kontext zeigen die Szenen zentrale Elemente aus dem Leben des Albus Potter wie Schnappschüsse, ehe die Haupthandlung schließlich im vierten Schuljahr ansetzt. Ich persönlich habe Rowlings Vorgehen, die ersten drei Jahre in einer Art Zeitraffer vorbeilaufen zu lassen, auch als ein Moment verstanden, welches dem Leben des Albus Potter weitere Authentizität verleiht: Wie unglaubwürdig wäre es, wenn nach Harry selbst nun auch sein Sohn Jahre voller haarsträubender Abenteuer durchstehen muss? Nicht sehr, wenn ihr mich fragt – daher empfinde ich Rowlings ‚Cherry-Picking‘ zentraler Momente als gute bis sehr gute Methode, Albus Potter über einen Zeitraum von drei Jahren zu charakterisieren.

Trotz dem das Theaterstück nur wenig zusätzliche deskriptive Elemente beinhaltet, welche über die Regieanweisungen und die Reden der Figuren hinausgeht, hat man als Leser immer den Eindruck, bestens über das Seelenleben der zentralen Figuren Bescheid zu wissen, die spärlichen Regieanweisungen ebenso wie die Konversationen der einzelnen Charaktere leisten hierbei sehr gute Arbeit, den Leser wissen zu lassen, was in relativ vielen verschiedenen Figuren vorgeht.

Das Stück leistet in diesem Rahmen auch sehr gute Arbeit, bekannte Handlungsstränge ebenso wie zentrale Ereignisse der Heptalogie mit dem neuen Stück zu verbinden, was das Stück neben seiner Sprache so gut in die Reihe der bekannten Potter-Bände eingliedert. Man hat aufgrund der inhaltlichen Elemente wirklich den Eindruck, dass es sich hier tatsächlich um einen älteren Harry, einen älteren Ron und eine ältere Hermine handelt – und nicht etwa um drei ältere Figuren, die Harry, Ron und Hermine sein sollen. Rowling verkauft auch charakterliche Wandlungen und Veränderungen sehr gut als Weiterentwicklungen und den Biographien geschuldete Persönlichkeitsänderungen; auch wenn einige Umstände des Stücks vielleicht ungewohnt für den Heptalogie-Leser sind, sie sind nie ‚out of character‘, sondern wirken trotzdem authentisch. Dasselbe gilt neben den altbekannten Charakteren auch für die neuen Figuren: Sie wirken unter den Umständen ihrer jeweiligen Biographien völlig authentisch und plausibel.

Ohne zu viel über den Inhalt des Buches zu verraten, kann ich sonst nur noch sagen, dass weite Teile der Haupthandlung (in Albus‘ viertem Schuljahr) auf den Leser – ohne unplausibel zu wirken – manchmal wie ‚Infinities‘ wirken. Wir alle haben uns doch immer mal wieder gefragt: ‚Was wäre gewesen, wenn Figur X an Stelle Y der Heptalogie anders gehandelt hätte? Was wäre mit der Handlung gewesen, wenn Ereignis Z eingetroffen/nicht eingetroffen wäre?‘. Neben einem Blick in die Zeit der Zauberergesellschaft 19 Jahre nach der Schlacht um Hogwarts thematisiert das Stück auch die ‚Infinities‘-Fragen der Leser, ohne den roten Fragen oder die Plausibilität zu verlieren: ‚Was wäre, wenn…?‘.

Ich würde in der Summe sagen, dass das Stück die reine Erzählung der Heptalogie als solche nur an wenigen Stellen wirklich ausbaut und ergänzt – was ich persönlich nicht schlimm finde, da die Heptalogie meiner persönlichen Meinung nach dort kaum Wünsche oder Ergänzungsoptionen ausgelassen hat. An den wenigen Stellen, wo das neue Stück rückblickend die Heptalogie ergänzt, haben mir die ergänzenden Informationen über die Zeit der Heptalogie allerdings sehr gut gefallen.

Man kann – aus meiner Sicht – mit Fug und Recht behaupten, dass die Haupthandlung des Stücks inhaltlich nicht gerade sehr originell, sondern eher naheliegend ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass einige Leser die Haupthandlung aus dem Grund als ‚billig‘, ‚unkreativ‘ und ‚vorhersehbar‘ abtun könnten – ich nehme ehrlich gesagt an, dass dies für relativ viele Leser gelten dürfte. Ich selber – aber da wähne ich mich in der Minderheit – habe mich an diesem Umstand aufgrund der plastischen Figuren, der eindrucksvollen Infinities-ähnlichen Elemente und der wirklich spannenden Handlung, nicht zuletzt auch aufgrund der unbestreitbaren Plausibilität der Handlung absolut nicht gestört. Ich finde es schwer, vorherzusehen, wer wie auf die Handlung reagieren könnte.

Fazit und Ausblick:

Ich war vor der Lektüre des Theaterstücks zugegebenermaßen skeptisch. Die Handlung der Heptalogie hatte, so war mein Anschein, insgesamt nach der Schlacht um Hogwarts und mithilfe des Epilogs einen absolut runden und krönenden Abschluss erhalten. Wie, so fragte ich mich, könnte man diese Handlung noch ergänzen, ohne etwas Aufgepropft- und Überflüssig-wirkendes zu erzeugen?

Im meinen Augen hat J.K. Rowling mit diesem Theaterstück das Unglaublich geschafft: Weder, so würde ich als Fazit ziehen, wirkt die Handlung aufgepropft, noch wirkt sie überflüssig oder unauthentisch, auch wenn man sich völlig berechtigt darüber streiten darf, wie originell der der Haupthandlung zugrundeliegende Konfliktpunkt nun tatsächlich ist.

Wer markerschütternde Angst davor hat, das Stück könne die eigene Meinung der Heptalogie oder die Trageweite der Heptalogie insgesamt herabsetzen, ist vielleicht aus reinen Sicherheitsgründen besser damit bedient, die Finger vom Stück zu lassen und die Heptalogie als solche in Erinnerung zu haben. Wer allerdings nur ein bisschen gespannt ist, wie die Welt 19 Jahre nach der Schlacht um Hogwarts aussieht, sollte meines Erachtens zuschlagen und sich beim Lesen aus Schutzgründen immer wieder sagen: ‚Wenn ich damit nicht klarkomme, kehre ich zur Heptalogie zurück und tue so, als hätte es das Theaterstück niemals gegeben.‘

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