John Green: Paper Towns

9781408848180

‚Paper Towns‘ ist nach ‚Looking For Alaska‘ der zweite Jugendroman von John Green, welches ich gelesen habe. Da ich ‚Looking For Alaska‘ sehr gelungen fand, waren die Erwartungen dementsprechend hoch. Mal sehen, wie mich das Werk überzeugen konnte…

Synopsis:

Quentin Jacobs liebt Margo Roth Spiegelman aus der Ferne – als eines Abends Margo plötzlich völlig überraschend an seinem Fenster auftaucht und Quentin darum bittet, sie auf einem nächtlichen Streiche-Rache-Feldzug zu begleiten.

Quentin folgt Margo völlig perplex auf ihrem Feldzug – doch am nächsten Morgen und schließlich auch in den nächsten Tagen erscheint Margo nicht in der Schule. Schließlich entdeckt Quentin, dass Margo nicht spurlos verschwunden ist, sondern kleine Hinweise hinterlassen hat – eine rätselhafte Suche beginnt, nicht nur nach der Frage: Wo ist Margo? Sondern auch: Wer ist Margo?

Struktur und Inhalt:

Der Jugendroman ist in einen Prolog und drei etwa gleich große Hauptteile unterteilt; sie thematisieren in dieser Reihenfolge den nächtlichen Streiche-Rache-Zug, die Ergründung von  Margos Rätseln und die anschließende Reise zu Margo.

Der erste Teil überzeugte mich sofort: Wie in ‚Looking For Alaska‘ zeichnet John Green irgendwie bekannte Grundmotive typischer Jugendromane (Junge und Mädchen; ziehen nachts auf eine Streichetour), die allerdings so kreativ, witzig und authentisch ausgestaltet werden, dass die Spannung konstant hoch bleibt. Als mittlerweile Mit-Zwanziger stelle ich mir als Leser immer wieder Frage: ‚Wie hätte ich mich gefühlt, wenn ich diese Situation erlebt hätte? Hätte ich dies gerne auch erlebt?‘ Ich stelle mir vor, dass sich viele Jugendliche, die etwa im selben Alter wie die Protagnisten sind, sich in dieser Situation ähnliche Fragen stellen: ‚Was würde ich empfinden, wenn ich in dieser Situation wäre? Ich würde das nur zu gerne auch mal erleben, auch wenn ich im realen Leben eigentlich schüchtern und zurückhaltend bin.‘

Diese Stimmung ist, wie in ‚Looking For Alaska‘ das, was zumindest diese beiden Romane von John Green ausmacht: Die Szenerien sind irgendwie extrem, aber dennoch aus dem Leben gegriffen und damit für die Leser – egal ob Jugendliche oder Erwachsene – greifbar. Der Leser kann sich, mitunter dadurch, sehr gut in die Lage der Protagonisten versetzen und beginnt zu träumen: Habe ich dies auch schonmal erlebt? Erwachsene: Hätte ich dies gerne erlebt als ich in diesem Alter war? Jugendliche: Würde ich dies auch gerne machen? Man wird geradezu dazu verleitet, über sein eigenes Leben und seine eigene Jugend nachzudenken – wie es war/wäre, sich aus dem Alltagstrott zu reißen und etwas wahrhaft Wildes und Ausgefallenes zu unternehmen.

Der zweite Teil thematisiert in erster Linie die Entschlüsselung von Margos Hinweisen; hier hat die Handlung mich persönlich ein bisschen verloren – was nicht dem Buch selbst zu Schulden zu legen ist, sondern der Tatsache, dass rein- oder schwerpunktmäßig knobel- und rätselorientierte Werke nicht meinem Geschmack entsprechen; ich persönlich schätze figurenorientierte Handlungen mit manifesten Enthüllungen ohne lange Rätselphasen und Knobelpassagen. Freunde von Krimis und rätselorientierten Büchern, die gerne über brotkrumenhaft gestreute Hinweise knobeln, werden an diesem Teil ihre Freunde haben.

Mich persönlich – aber damit werde ich wohl in der Mindheit sein – hat neben den plastischen Figuren (mehr dazu später) insbesonders die häufige Erwähnung von Walt Whitman (Dichter der American Renaissance) und die Einstreuung von Zitaten aus seinen Gedichten an der Handlung interessiert gehalten, was darauf zurückzuführen ist, dass ich in meiner universitären Laufbahn schon mehrfach Auszüge der Werke Whitmans gelesen habe und gerade die Auszüge aus ‚Leaves of Grass‘ in den Seminaren sehr geschätzt habe.

Der dritte Teil und die darin enthaltene Reise hat mich erneut sehr gepackt; die letzten ca. 80 Seiten flogen nur so an mir vorbei. Auch hier verfolgt die Geschichte wieder – wie in Teil I – bekannte Motive (Roadtrip, Freundesclique kurz vor dem Schulabschluss), die allerdings auf John Greens unnachahmlich kreative, witzige und doch ernste Weise ausgestaltet werden, die – obwohl am Rande dessen, was man sich im normalen Leben vorstellen kann – so authentisch auf den Leser wirkt, als hätte man die Passagen direkt aus dem Leben gerissen. John Green schafft es auch hier, lang bekannte Motive und Elemente in neue Farben zu kleiden und den Leser damit auf eine Art und Weise zu fesseln und zu faszinieren, vor der ich nur den Hut ziehen kann.

Sprachliches:

Wie auch ‚Looking For Alaska‘ versucht sich ‚Paper Towns‘ nicht an hochtrabender Sprache oder kunstvollen Verschnörkelungen. Wieso auch? Die im Roman vorhandene Sprache ist sehr nah an der wahrscheinlichen Alltagssprache der Zielgruppe (Jugendliche und junge Erwachsene) und erhöht damit die Authentizität des Jugendromans – er ist nicht gerade schwer zu verstehen, sondern erschließt sich dem Leser direkt und wirkt daher umso mehr lesernah, aus dem Leben gegriffen und damit relevant. Der Roman fühlt sich sprachlich so an, als könnte er sich genauso gut im eigenen englischsprachigen Leben ereignet haben.

Wie in ‚Looking For Alaska‘ (The General and His Labyrinth, Gabriel García Marquez) streut der Autor in ‚Paper Towns‘ Hinweise auf bekannte Werke der Weltliteratur (Leaves of Grass, Walt Whitman). Dadurch demonstriert der Autor in ‚Paper Towns‘ nicht nur lesernah seine Liebe zu klassischen Stoffen, sondern verbindet auch verschiedene Epochen der amerikanischen Literaturgeschichte (Postmoderne, in dieser Zeit spielt der Roman; American Renaissance, in dieser Zeit erschienen Whitmans Gedichte) sehr lesernah und zeigt, dass auch ältere, klassische Stoffe ihre Relevanz für die Gegenwart haben. Es ist fast, als wollte John Green seinen Lesern nicht nur zeigen, dass der Unterschied zwischen vermeintlicher ‚Hochliteratur‘ und ‚Trivialliteratur‘ artifiziell ist, sondern auch untermalen, wie gut klassische und postmoderne Stoffe zusammenkommen können.

Figuren:

John Greens Jugendroman zentriert sich aus meiner Sicht im Wesentlichen auf Quentin Jacobs und Margo Roth Spiegelman als Hauptcharaktere, wobei es aus meiner Sicht argumentativ ebenso haltbar wäre, einige oder gar alle Freunde der beiden zu den Hauptfiguren zu rechnen. Ich würde nicht sagen, dass wir hier einen klaren Unterschied zwischen Hauptfiguren und Nebenfiguren zu verzeichnen haben.

Alle Figuren sind extrem plastisch und authentisch dargestellt, am meisten Quentin, aus dessen Wahrnehmung die Handlung (zumindest in weiten Teilen, wenn nicht ganz) erzählt wird; doch auch die anderen Charaktere erhaltene eigene Charakterzüge, geben sie als Charaktertypen zu erkennen und geben dem Leser den Anschein, als könnten sie genau so in jede amerikanischen High School eingesetzt werden, ohne dass allzu viel über ihre geheimen Gedanken bekannt würde; dies ist – da Green für einige Figuren nicht viel Platz hat – gleichermaßen erstaunlich und bemerkenswert.

Mit Margo erschafft Green eine weitere mysteriöse weibliche Hauptfigur, über die ähnlich wie Alaska aus ‚Looking For Alaska‘ nicht allzuviel bekannt wird, wobei ihre Plastizität unter diesem Umstand bemerkenswerterweise nicht leidet. Im Gegenteil, die Mysteriosität der Figur lässt sich nur noch spannender wirken, man möchte die Leerstellen als Leser am liebsten selbst mit eigenen Gedanken und Eindrücken füllen und erschafft so seine eigene Plastizität. Wir (fast) alle kennen schließlich ähnliche Personen aus dem erweiterten sozialen Umfeld, die wir kaum kennen, die kaum etwas über sich nach Außen tragen und die wir trotzdem als Charakterköpfe in unserem Leben aufgenommen haben.

Fazit und Ausblick:

Mit Ausnahme der Mittelpassage, die mich aus persönlichen Gründen nicht so fesseln konnte (was aber nicht die Schuld des Romans ist!), hat John Green hier einen weiteren Roman vorgelegt, der mich fast vollkommen überzeugt hat; wenn auch nicht so sehr wie ‚Looking For Alaska‘.

Wer ‚Looking For Alaska‘ gelesen hat, wird diesen Roman meiner Einschätzung nach auch zu schätzen wissen; wenn auch nicht so sehr wie ‚Alaska‘ selbst. Besonders geeignet ist der Roman für alle, die häufig über schräge Austritte ohne Fantastik aber mit Nervenkitzel aus dem Alltagsleben genießen – in dieser Hinsicht ist der Roman für Jugendliche ebenso geeignet wie für Erwachsene. Erstere versetzen sich direkt in die Situation der Protagonisten, zweitere empfinden die Situation nach und versetzen sich selbst in ihre eigene Jugend zurück oder fragen sich: ‚Wie wäre meine Jugend, wenn ich sie in dieser Zeit erleben würde?‘.

 

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